
"... Endlich schmiedete er sich noch ein Paar große federleichte Flügel.
Diese Arbeit dauerte sieben Jahre. Jeden Abend aber schlüpfte bei Sonnenuntergang die Natternkönigin in den Turm durch das Loch, das sich nur für sie öffnete und sich sofort wieder schloss.
«Lehrling, dein Martyrium wird zu Ende sein, sowie ich deine Frau bin.» «Fort mit dir, Natternkönigin, ich habe mir schon eine Braut gewählt und werde sie niemals, niemals aufgeben.»
Das waren die Worte, die sie jeden Abend wechselten. Als aber alles bereit war, schlug der Lehrling einen anderen Ton an.
..."
***
"... «Väterchen, verzeih, aber ich muss dich verlassen! Lass mir auf jenem Berg, der seinen Kopf in die Wolken steckt, ein festes Schloss bauen; dort will ich wohnen, damit wir endlich von der Plage mit diesen lästigen Freiern verschont bleiben.»
Der Herrscher liebte seine Tochter wie den eigenen Augapfel, doch so schwer ihm die Trennung auch fiel – es blieb ihm, wie die Dinge nun einmal lagen, nichts anderes übrig, als ihrer Bitte zu willfahren. So wurde denn auf jenem fernen Gipfel eine Burg errichtet – mit Türmen und Zinnen, so gewaltig, dass es aussah, als hätte man auf einen ersten Felsberg mit Riesenkraft noch einen zweiten gestemmt. ..."
***
Wussten Sie, dass Märchen so spannend sein können? Sie erzählen davon, wie Menschen die ihnen vertraute Welt verlassen (müssen), wie sie dabei in Gefahren geraten oder in die Anderswelt, Proben bestehen und Aufgaben lösen müssen - genau wie im Leben. Wie in einem Spiegel zeigen uns die Märchen, was uns bewegt - und manchmal zeigen sie uns mehr als das, zeigen neue Möglichkeiten und Erfahrungen.
In der Europäischen Märchengesellschaft haben sich Wissenschaftler/innen und Erzähler/innen, vor allem aber Märchenliebhaber/innen zusammengefunden, die die Freude an den Märchen miteinander teilen, die Freude an ihrer bleibenden Schönheit, Weisheit und Wahrheit. Aber wir wollen diesen märchenhaften Schatz auch an andere weitergeben. Denn mit und in den Märchen, diesen Spiegelbildern der menschlichen Seele, können wir uns wieder finden. Und weil Märchen ein gemeinsames Kulturerbe aller Völker der Erde sind, können wir mit Märchen auch zusammenfinden, über alle Grenzen hinweg.
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