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Wie Guaraná ein Getränk zum Wachhalten wurde

Aguiry war der fröhlichste Knabe in seinem Stamm. Er ernährte sich ausschließlich von Früchten, und das, so vermuteten die Indianer, war der Grund, warum er stets guter Dinge war. Jeden Tag ging Aguiry in den Wald und kehrte mit einem Korb voller Früchte zurück, die er an seine Freunde verteilte, auf dass diese ebenfalls fröhlich gestimmt würden. Eines Tages entfernte sich Aguiry zu weit von seinem Dorf und verirrte sich im Wald. Als die Nacht herein, blieb dem Jungen nichts anderes übrig, als sich ein Lager aus Laub zu bereiten und den Tag abzuwarten. Er tröstete sich, dass ihn sein voller Korb mit Früchten vor dem Verdursten und Verhungern bewahren würde. Doch er hatte nicht mit Jurupari gerechnet, dem Dämon der Finsternis, der in Vogelgestalt erscheint und süße Früchte über alles liebt. Jurupari griff den Knaben mit seinen scharfen Krallen und seinem mächtigen Eulenschnabel an und tötete ihn, um an die Früchte zu gelangen. Unterdessen waren Aguirys Verwandte und Freunde in großer Sorge, weil der Junge nicht nach Hause gekommen war. Sie machten sich am nächsten Morgen auf und fanden ihn nach banger Sorge tot neben dem leeren Früchtekorb. Auf Geheiß ihres guten Gottes Tupá begruben die Indianer Aguirys Augen unter einem Baum, der schon seit vielen Jahren vertrocknet war. Jeden Tag kam eine Abordnung des Stammes zu dem Baum, um den Jungen zu beweinen. Und siehe da: Bald schlug der trockene Baum aus, als hätten ihm die Tränen neue Kraft gegeben. Und im nächsten Frühling trug der Baum Früchte von einer den Indianern unbekannten Art: Sie waren rot und verbargen einen dunklen Kern, der an Aguirys Augen erinnerte. Nun verriet Ihnen Tupá, dass die Frucht Guaraná heiße und das man sie essen könne. Man müsse sie trocknen, raspeln und mit Wasser mischen, dann sei sie zu jeder Jahreszeit verfügbar. Bald merkten die Indianer, dass Guaraná, in Maßen genossen, allerlei Krankheiten heilte und müde Leute wach hielt. Seither hatte jeder Indianer Guaraná dabei, wenn er im Wald übernachten muss. So hat der Dämon der Finsternis keine Chancen mehr, einen müden Menschen im Schlaf zu überraschen.

Märchen und Mythen der brasilianischen Indianer von Walde-Mar de Andrade e Silva, Herausgeber und Verlag: Brigitte Goller, Freiburg, 2.Auflage 4/1988.