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Die grüne Gans

Es war einmal ein Mann und eine Frau, die hatten zwölf Kinder und nichts zu leben. Eines Tages war der Vater mit der ältesten Tochter in den Wald gegangen, um Holz zu holen, da kam eine Kutsche, mit zwei Pferden bespannt, mit großer Schnelligkeit daher gefahren und hielt dicht bei den beiden still. In der Kutsche saß eine grüne Jungfrau, die fragte den Mann, weshalb er so betrübt sei. Als er ihr seine Not geklagt hatte, sagte sie: »willst du mir deine älteste Tochter geben, so sollst du alles in Überfluss haben und dein Keller soll stets mit Speise und Trank gefüllt sein. Deine Tochter wird auch gut bei mir aufgehoben sein, und du kannst sie später wieder bekommen. Besinne dich darauf und wenn du damit zufrieden bist, so bringe das Mädchen zu dem Baumstumpfe, der dort steht.« Dann fuhr die Jungfrau wieder fort. Der Mann besann sich einige Zeit, beschloss aber zuletzt seine Tochter hinzugeben. Er brachte sie also an die bezeichnete Stelle und ließ sie auf den Baumstumpf steigen. Sogleich erschien die Kutsche wieder und die grüne Jungfrau befahl dem Mädchen einzusteigen. Als sie das getan hatte, ging der Wagen wie im Fluge dahin und war bald aus den Augen des Mannes verschwunden. Als der Mann wieder zu Hause gekommen war, sagte er zu seiner Frau, sie möchte Brot, Butter und Käse aus dem Keller holen und eine Flasche Wein dazu. Diese wusste nicht, was sie dazu sagen sollte, weil er aber darauf bestand, so ging sie in den Keller und fand dort alles in großer Fülle. Sie brachte das Verlangte herauf und fragte nun ihren Mann, wie das zuginge. Er erzählte ihr darauf, was ihm im Walde begegnet war. Von nun an hatten die beiden alles was sie nötig hatten, in Menge und führten ein frohes Leben. Das Mädchen aber fuhr mit der grünen Jungfrau mitten in den Wald hinein, bis sie an ein großes, prächtiges Schloss kamen, vor welchem die Kutsche still hielt. Sie stiegen aus und gingen hinein. In dem Schlosse waren viele, viele Zimmer, zu welchen die grüne Jungfrau dem Mädchen die Schlüssel gab und sagte: »diese Zimmer hast du jeden Tag auszukehren und die Betten, die darin sind, zu machen; aber ein Zimmer, zu dem ich dir auch den Schlüssel gebe, darfst du in den sieben Jahren, welche du bei mir bleiben musst, nicht öffnen.« Darauf ging die grüne Jungfrau fort. Das Mädchen blieb nun in dem Schlosse allein, kehrte alle Morgen die Zimmer und machte die darin befindlichen Betten, ohne das verbotene Zimmer zu öffnen. So waren schon sechs Jahre verstrichen, als ihr eines Tages in den Sinn kam, doch auch einmal zu sehen, was in dem ihr verbotenen Zimmer wäre. Sie öffnete die Tür und sah nun in dem Zimmer einen großen Teich; auf dem Teiche schwamm eine grüne Gans, welche die grüne Jungfrau war. Als diese sich bemerkt sah, tat sie einen lauten Schrei und verschwand. Das Mädchen verließ sogleich das Zimmer und bereute ihre Neugierde sehr. Darauf kam die grüne Jungfrau zu ihr, machte ihr über ihren Ungehorsam bittere Vorwürfe und sagte: nur noch ein Jahr hätte sie ihr Gebot treu befolgen müssen, dann wäre sie erlöst gewesen; nun aber könne erst in hundert Jahren wieder einer geboren werden, der im Stande sei sie zu erlösen. Darauf stieg sie mit dem Mädchen in die Kutsche und brachte sie wieder zu dem Baumstumpfe, wo ihre Eltern sie zufällig bei einem Spaziergange fanden. Diese hatten aber von nun an wieder ihre frühere Not.

Georg Schambach / Wilhelm Müller: Niedersächsische Sagen und Märchen. Göttingen 1855, S. 274-276

 


 

Das Mädchen aber fuhr mit der grünen Jungfrau mitten in den Wald hinein, ..

Ein Mann trifft im grünen Wald eine grüne Jungfrau, welche ihm aus der größten Not hilft, ihm und seiner Familie ein auskömmliches Leben sichert. Ein grünes Mädchen, jung, ohne ausreichende Lebenserfahrung, noch vor dem Ergrünen der ersten Liebe, fährt zum Ausgleich mit der Grünen Frau in deren Reich. Sieben Jahre möchte die Grüne der jungen Frau abgewinnen, sieben Jahre Leben im prachtvollen, aber weltabgeschiedenen Schloss. Zeit zu lernen, sich zu entwickeln, nicht als eine von Zwölf, sondern als Einzige, der alles zur Verfügung steht. Die grüne Frau, als Verkörperung eines göttlichen Prinzips von Mitgefühl, Weisheit, Einsicht und klugem Handeln, gibt dem Mädchen Raum und Möglichkeit, zum Wachsen und Werden. Es ist ein liebendes weibliches Prinzip, wie es die Grüne Tara, auf einem Lotus sitzend, blaue Wasserlilien in jeder Hand, kostbare Steine im dunklen Haar, im tibetischen Buddhismus oder Mielikki, die sanfte finnische Herrin des Waldes, verkörpern. Die grüne Frau im Märchen Die grüne Gans kann so als kluges mütterliches Prinzip verstanden werden. Sechs Jahre bleibt das junge Mädchen bei ihr, erledigt die aufgetragenen Aufgaben und hält die vergebenen Regeln ein, dann erst durchbricht sie diese und folgt ihren eigenen Intuitionen. Der Ausflug in das verbotene Zimmer hat Folgen, die Zeit der jungen Frau im Schloss ist vorbei, alle Mühen der sechs vergangenen Jahre bleiben umsonst, das Mädchen kehrt an den Ausgangspunkt seiner Reise zurück. Die grüne Gans, sinnlich - körperlicher Aspekt der Grünen Frau, bleibt unerlöst - nun aber könne erst in hundert Jahren wieder einer geboren werden, der im Stande sei sie zu erlösen. Wäre die Wandlung aber vielleicht gelungen mit etwas mehr an Grünen und Blühen, Leidenschaft und Lebendigkeit, wäre dann aus dem grünen Mädchen eine aufblühende Frau geworden und aus der Jungfer Gans - ja, wer weiß, was aus ihr geworden wäre?

(Ricarda Lukas)