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Vom grünen Vogel

Es war einmal ein König, der hatte ein einziges Töchterlein, das er über alle Maßen liebte. Eines Tages, als er oben auf der Terrasse mit der kleinen Maruzza spielte, ging ein Wahrsager vorbei und schüttelte den Kopf, als er die kleine Königstochter ansah. Da ward der König sehr zornig, und befahl, den Wahrsager zu ergreifen und vor ihn zu führen. »Warum hast du den Kopf geschüttelt, als du meine Tochter ansahest?« frug er ihn. »Ach, Majestät, ich habe es nur in Gedanken getan,« antwortete der Wahrsager. »Wenn du mir nicht sogleich antwortest,« sprach der König, »so lasse ich dich in den tiefsten Keller werfen.« Da musste der arme Wahrsager wohl gehorchen, und sprach: »Wenn die Königstochter elf Jahre alt sein wird, so wird ein schweres Schicksal sie erreichen.« Da ward der König tief betrübt und ließ in einer einsamen Gegend einen Turm ohne Fenster bauen, und sperrte sein Töchterlein mit seiner Amme hinein. Er kam aber und besuchte sie oft. Maruzza wuchs heran, und wurde mit jedem Tage größer und schöner. Sie gaben ihr aber beim Essen das Fleisch immer ohne Knochen, damit sie sich kein Leid antun könne, und nahmen ihr auch Alles weg, womit sie sich verletzen konnte. Als sie nun beinahe elf Jahre alt war, brachte ihr die Amme eines Tages einen Braten von einem Zicklein, in dem war ein spitzer Knochen zurückgeblieben. Als Maruzza den spitzen Knochen fand, wollte sie gerne damit spielen, und weil sie wußte, dass die Amme ihn ihr wegnehmen würde, so versteckte sie ihn hinter einer Kiste. Als sie nun allein war, nahm sie den Knochen wieder hervor, und fing an, die Mauer ein wenig aufzukratzen. Es war aber gerade eine hohle Stelle in der Mauer, so dass sie schnell ein kleines Loch gebohrt hatte; da bohrte sie immer weiter, bis das Loch so groß war, dass sie den Kopf hinaus stecken konnte. Da sah sie alle die schönen Blumen und den blauen Himmel mit der Sonne, und freute sich darüber so sehr, dass sie den ganzen Tag dort hinausschaute. Wenn aber die Amme ins Zimmer kam, so zog sie einen kleinen Vorhang vor das Loch. So trieb sie es mehre Tage, an dem Tage aber, wo sie elf Jahre alt wurde, in demselben Augenblick, als sie in ihr elftes Jahr trat, rauschte es in den Lüften, und durch das Loch kam ein wunderschöner, leuchtend grüner Vogel hereingeflogen, der sprach: »Ich bin ein Vogel und werde ein Mensch,« und bald ward er in einen schönen Jüngling verwandelt. Als Maruzza ihn sah, erschrak sie heftig, und wollte anfangen zu schreien, er bat sie aber mit freundlichen Worten, und sprach: »Edles Fräulein, fürchtet euch nicht vor mir, ich will euch ja kein Leid zufügen. Ich bin ein verwunschener Prinz und muss noch manches Jahr verzaubert bleiben. Aber wenn ihr auf mich warten wollt, so sollt ihr einst meine Gemahlin werden.« Mit solchen Worten beruhigte er sie; nach einer Stunde wurde er wieder zum Vogel, und verließ sie mit dem Versprechen, am andern Tage wiederzukommen. Von da an kam er jeden Tag um Mittag, und wenn es ein Uhr schlug, so verließ er sie wieder. Als nun ein Jahr vergangen war, dachte der König: »Nun wird auch die Gefahr für meine kleine Maruzza vorüber sein,« und kam in einem schönen Wagen, und holte sie ab in sein Schloss Als aber Maruzza in dem prächtigen Schlosse ihres Vaters wohnte, ward sie sehr traurig, denn der schöne, grüne Vogel kam nicht wieder zu ihr, und sie ward so schwermütig, dass sie gar nicht mehr lachen konnte, und immer in ihrem Zimmer blieb. Da ließ der König im ganzen Lande verkündigen: »Wer die Königstochter zum Lachen bringen könnte, den wolle er reich beschenken.« Das hörte auch ein altes Mütterchen, das auf einem Berge wohnte, und machte sich auf, um zum König zu gehen. Wie die alte Frau nun ihres Weges zog, begegnete sie einem Maultiertreiber, der trieb sein Maultier vor sich her, das war mit Geldsäcken beladen. »Gib mir eine Handvoll von deinem Geld,« bat sie ihn. Der Maultiertreiber antwortete: »Hier kann ich dir nichts geben, wenn du aber mit mir kommst bis zu dem Schloss, wo ich die Säcke abliefern muss, so will ich dir einiges geben.« Da ging die alte Frau mit ihm, und er führte sie in ein wunderschönes Schloss, in welchem zwölf Feen wohnten. Als sie nun die Treppe hinaufgestiegen waren, öffnete der Maultiertreiber seine Säcke, und ließ die Münzen auf dem Boden herum rollen. Da waren es aber so viele, dass die alte Frau am bloßen Ansehen genug hatte, und weiter nicht danach verlangte. Nun ging sie durch die Zimmer, um sie zu betrachten, und sah alle die kostbaren Schätze, die da angesammelt waren. Alle die Stühle, die Tische, die Betten waren von lauterm Golde. Da kam sie in ein Zimmer wo ein gedeckter Tisch stand mit zwölf goldnen Tellern und zwölf goldnen Bechern, und dabei standen auch zwölf goldne Stühle. Da ging sie weiter, und kam in die Küche, da standen die zwölf Feen in einer Reihe, und jede hatte einen goldnen Herd, auf dem sie in einem goldnen Kessel kochte. Als die Suppe fertig war, nahmen die Feen ihre Kessel vom Feuer und stellten sie auf den Tisch. Weil sie nun die alte Frau unbeachtet gelassen hatten, wurde sie vorwitzig und sprach: »Edle Frauen, ihr sagt mir nichts, so werdet ihr es mir auch nicht übel nehmen, wenn ich mich selbst bediene.« Da nahm sie einen goldnen Löffel, und schöpfte sich etwas Suppe. Als sie aber den Löffel zum Munde führen wollte, fuhr ihr die Suppe ins Gesicht, dass sie sich jämmerlich verbrannte. In demselben Augenblick rauschte es in den Lüften, und der grüne Vogel flog in den Saal. »Ich bin ein Vogel und werde ein Mensch!« sprach er, und wurde sogleich zum schönen Prinzen. Der jammerte aber laut und rief: »O, Maruzza, meine Maruzza, habe ich dich denn ganz verloren? Kann ich dich nirgends wiederfinden?« Die Feen umringten ihn, um ihn zu trösten, die alte Frau aber verließ leise und unbeachtet das Schloss, und dachte: »Diese Geschichte muss ich der jungen Königstochter erzählen; wenn das sie nicht zum Lachen bringt, so ist wohl alles vergeblich.« Als sie nun in das königliche Schloss kam, ließ sie sich beim Könige melden, und sagte ihm, sie sei gekommen, die Königstochter zum Lachen zu bringen. Der König führte sie hinein und ließ sie mit seiner Tochter allein. Nun begann die Alte zu erzählen, wie sie von dem Maultiertreiber in das schöne Schloss geführt worden sei, und wie sie sich den Mund verbrannt habe, als sie die Suppe versuchen wollte. Maruzza aber fing an laut zu lachen, als sie diese Geschichte hörte. Das hörte der König draußen, und freute sich, dass es endlich jemanden gelungen, sein liebes Kind zum Lachen zu bringen. Die Alte aber sprach: »Hört mich nun noch zu Ende, Fräulein!« und erzählte ihr von dem grünen Vogel, der ein schöner Prinz geworden war, und immer nach seiner lieben Maruzza gefragt hatte. Da wurde Maruzza noch froher, und sprach: »Mein Vater wird dir ein schönes Geschenk machen, von mir aber sollst du eben so viel bekommen, wenn du mich morgen um dieselbe Stunde abholst, und heimlich in das Schloss der zwölf Feen führst.« Die Alte versprach es, und den nächsten Tag kam sie, und führte die Königstochter über Berg und Tal, einen weiten Weg, bis sie an das Schloss der zwölf Feen kamen. Da saßen die zwölf Feen wieder vor ihren goldnen Herden, und die Suppe war eben fertig, und wurde in den goldnen Kesseln vom Feuer genommen. »Seht einmal, Fräulein,« sprach die Alte, »so wollte ich neulich die Suppe versuchen,« und nahm mit einem goldnen Löffel ein wenig Suppe. Wie sie ihn aber zum Munde führen wollte, fuhr ihr die Suppe ins Gesicht. Da sprach Maruzza: »Lass es mich einmal versuchen,« nahm den goldnen Löffel, und schöpfte etwas Suppe, und siehe da, sie konnte die Suppe ruhig zum Munde führen. Mit einem Male rauschte es in den Lüften, und der grüne Vogel flog herein, und verwandelte sich in den schönen Prinzen. Als er nun anfing zu jammern: »O, Maruzza, meine Maruzza!« Da stürzte ihm die Königstochter in die Arme, und rief: »Hier bin ich!« Aber der Prinz wurde ganz traurig, und sprach: »Ach, Maruzza, was hast du getan? Warum bist du hergekommen? Nun muss ich fort, und muss herumfliegen ohne Ruh und ohne Rast sieben Jahre, sieben Tage, sieben Stunden und sieben Minuten.« »Wie?« rief die arme Maruzza, »willst du mich nun verlassen, nachdem ich deinethalben so traurig gewesen bin, und nun diesen weiten Weg gemacht habe, um dich zu sehen?« Da antwortete der Prinz: »Ich kann dir nicht helfen; wenn du mich aber erlösen willst, so will ich dir sagen, was du tun musst.« Da führte er sie auf eine Terrasse und sprach: »Wenn du sieben Jahre, sieben Tage, sieben Stunden und sieben Minuten hier auf mich wartest, dem Sturm und Sonnenschein ausgesetzt, nicht issest, nicht trinkst und nicht sprichst, so kann ich erlöst werden, und dann sollst du meine Gemahlin sein.« Damit wurde er wieder ein Vogel, und flog davon. Nun saß die arme Maruzza auf der Terrasse, und als die Feen kamen, und sie baten, nun in das Schloss zu kommen, schüttelte sie nur mit dem Kopf, und blieb in einer Ecke sitzen, aß nicht und trank nicht, und es kam auch kein Wort über ihre Lippen. So blieb sie sieben Jahre, sieben Tage, sieben Stunden und sieben Minuten, im Sturm und Regen, und an der glühenden Sonnenhitze, und ihre feine weiße Haut wurde schwarz, und ihr Gesicht wurde hässlich und entstellt, und ihre zarten Glieder wurden steif. Da nun die lange Zeit herum war, rauschte es in den Lüften, und der grüne Vogel kam gepflogen, und wurde ein schöner Prinz. Da stürzte sie in seine Arme, und weinte, und rief: »Nun bist du erlöst, und nun sind auch meine Leiden zu Ende.« Als er aber sah, wie hässlich sie geworden war, und wie schwarz, da mochte er sie nicht mehr, und stieß sie hart von sich, und sprach: »Was willst du von mir? Ich kenne dich nicht.« Da weinte sie, und sprach: »Du kennst mich nicht? Habe ich nicht um deinetwillen meinen alten Vater verlassen? Bin ich nicht um deinetwillen sieben Jahre, sieben Tage, sieben Stunden und sieben Minuten hier oben geblieben, dem Regen und Sonnenschein ausgesetzt, habe nicht gegessen und nicht getrunken, und ist auch kein Wort über meine Lippen gekommen?« Er aber sprach: »Und um eines irdischen Mannes willen hast du hier oben gelegen wie ein Hund, und hast alles dies über dich ergehen lassen?« und spuckte ihr zweimal ins Gesicht, drehte ihr den Rücken und verließ sie. Da fiel die arme Maruzza zu Boden und weinte bitterlich, die Feen aber kamen und trösteten sie, und sprachen: »Habe nur guten Mut, Maruzza, du sollst noch schöner werden, als du bisher warst, und dich an dem bösen Mann rächen.« Da brachten sie sie in das Schloss, und wuschen sie mit Rosenwasser viele Tage lang, bis sie wieder ganz weiß wurde, und so schön, dass sie niemand mehr erkennen konnte. Dann zog Maruzza in das Land, wo der Prinz mit seiner Mutter der alten Königin wohnte, und die Feen begleiteten sie mit allen ihren Kostbarkeiten, und bauten ihr in einer Nacht ein wunderschönes Schloss, dem königlichen Schlosse gerade gegenüber. Als der Prinz am Morgen zum Fenster hinausschaute, sah er verwundert auf den schönen Palast, der viel schöner war, als sein eignes Schloss, und während er sich noch darüber verwunderte, erschien Maruzza am Fenster gegenüber, mit prächtigen Kleidern und so schön, dass der Prinz kein Auge von ihr verwenden konnte. Er erkannte sie aber nicht, und machte eine tiefe Verbeugung, und wollte sie anreden. Maruzza aber schlug ihm heftig das Fenster vor der Nase zu. Nun stellte er sich jeden Morgen auf seinen Balkon, wenn er sie drüben an ihrem Fenster erblickte. Wenn er aber versuchte, sie zu begrüßen und anzureden, so drehte sie ihm stolz den Rücken und schlug das Fenster zu. Da ward der Prinz traurig, denn er hätte gern das schöne Mädchen zu seiner Gemahlin gemacht. »Mutter,« sprach er eines Tages zur alten Königin, »tut mir den Gefallen und geht einmal zur schönen Dame, die gegenüber wohnt, und bringt ihr in meinem Namen euer schönstes Stirnband, und fragt sie, ob sie meine Gemahlin sein wolle.« Da machte sich die alte Königin auf, und ging in das Schloss zur schönen Maruzza. Als nun Maruzza hörte, die Königin sei da, und wünsche mit ihr zu sprechen, führte sie sie mit vielen schönen Worten in ihren besten Saal, der strahlte von Gold und Edelsteinen, und sprach: »Womit kann ich euch dienen, edle Königin?« Da antwortete die Königin: »Mein Sohn hat mich hierher gesandt, er ist in heftiger Liebe zu euch entbrannt, und bietet euch seine Hand an, und als Zeichen seiner Liebe, sendet er euch dieses köstliche Stirnband.« »O, welche Ehre!« erwiderte Maruzza, »euerem Sohn gebührt die reichste, vornehmste Königin, nicht aber ein armes Mädchen, wie ich es bin. Ich bin dieser Ehre nicht würdig.« Während sie aber so sprach, hatte sie das kostbare Stirnband genommen, und ganz in kleine Stücke zerpflückt, und rief nun »kur, kur, kur, kur,« da kamen die zwölf Feen herein, die hatten sich in zwölf kleine Gänschen verwandelt, und schluckten begierig die Goldkörner und die edlen Steine auf. Die alte Königin aber war sprachlos vor Erstaunen und Zorn. »Frau Königin,« sagte Maruzza, »was seht ihr so zornig aus? Ich pflege meine Gänschen immer mit lauterm Golde zu füttern.« Also musste die Königin gekränkt und beschämt nach Hause zurückkehren. Der Prinz aber, aber als er erfuhr, dass sie ihn zurückgewiesen hatte, ward von Herzen traurig. Er konnte es aber doch nicht lassen, sich jeden Morgen auf den Balkon zu stellen und nach der schönen Maruzza zu schauen. Sie aber wandte ihm immer stolz den Rücken zu und schloss heftig das Fenster. Nach einiger Zeit sprach der Prinz wieder zur alten Königin: »»Mutter, wenn ihr mich lieb habt, tut mir den Gefallen und geht noch einmal zu der schönen Dame hier gegenüber, bringet ihr meine Krone und fraget sie, ob sie meine Gemahlin werden will.« Die alte Königin ließ sich überreden,  der schönen Maruzza einen Besuch zu machen. Als nun Maruzza sie kommen sah, empfing sie sie mit großer Höflichkeit. Die alte Königin trug ihr Anliegen vor:  »Mein Sohn hat mich hierhergeschickt, euch zu fragen, ob er nicht die Ehre haben kann, euer Gemahl zu werden. Als Zeichen seiner Liebe sendet er euch seine goldne Krone.« »Ach, edle Königin,« sprach Maruzza, »wie könnte ich diese Ehre annehmen? Ein so armes Mädchen, wie ich bin, kann euer Sohn nicht zu seiner Gemahlin machen.« Wie sie das gesagt hatte, rief Maruzza ihren Koch und sprach: »Hier, Koch, nimm diese goldne Krone, sie passt gerade als Reif um meinen Kessel.« Als sie aber wieder sah, dass die Königin ganz entstellt wurde vor Zorn, fuhr sie fort: »Edle Königin, was entstellt ihr euch so? Ich pflege immer um meine Kessel einen goldnen Reif zu legen.« Da kehrte die Königin beschämt und gekränkt nach Hause zurück, Nun wurde der Prinz vor Zorn und Kummer krank und lag einen ganzen Monat schwer krank darnieder. Kaum war er besser, so schlich er auch gleich zu seinem Balkon und als er Maruzza gegenüber stehen sah, versuchte er es wieder sie zu begrüßen. Sie aber drehte ihm den Rücken, schlug ihm das Fenster von der Nase zu. Da sprach der Prinz zu seiner Mutter: »Mutter, wenn ihr mich lieb habt, so geht noch einmal zu der schönen Dame, und fraget sie, ob sie meine Gemahlin werden will.« Die Königin wollte nicht, er bat aber so lange, bis sie »ja« sagte. Da nahm er seine schwere, goldne Kette vom Hals und gab sie seiner Mutter, sie solle sie der schönen Dame bringen. Die Königin wurde von Maruzza wieder mit aller Höflichkeit empfangen und Maruzza frug sie: »Womit kann ich euch dienen, edle Königin?« Da sagte ihr die Königin wieder, der Prinz wolle sie zu seiner Gemahlin und schickte ihr seine goldne Kette. Maruzza aber erklärte wieder, sie sei zu arm und niedrig für den Prinzen. Dann winkte sie ihrem Diener, gab ihm die Kette und sprach: »Lege sie dem Hund an.« Als nun die Königin wieder sprachlos da stand über diese neue Beleidigung, sprach Maruzza: »Frau Königin, was seid ihr so erzürnt? Meine Hunde haben immer Ketten von lauterem Golde.«  Die Königin musste wieder unverrichteter Sache nach Hause zurückkehren. Der Prinz aber wurde nun so krank, dass alle Leute glaubten er müsse sterben. Die alte Königin, die um das Leben ihres Sohnes fürchtete, ging noch einmal  zur schönen Maruzza. Da wurde sie freundlich empfangen und sprach: »Edles Fräulein, ich komme mit einer Bitte zu euch, die ihr mir nicht abschlagen müsst. Mein Sohn ist mehr denn je in Liebe für euch entbrannt. Wenn ihr ihn wieder zurückweiset, so wird er vor euren Augen tot niedersinken, denn ohne euch kann er nicht leben.« Da antwortete Maruzza: »Saget eurem Sohn: wenn er aus Liebe zu mir sich entschließet, in einem Sarge, unter dem Geläute der Totenglocken, aus seinem Hause sich in das meinige tragen zu lassen, so wird uns hier der Geistliche erwarten, der uns trauen soll.« Mit dieser Antwort kehrte die Königin zu ihrem Sohn zurück, der ließ gleich einen schönen Sarg herrichten und legte sich hinein. Da wurden in der ganzen Stadt die Totenglocken geläutet, und der Prinz ward in dem Sarge aus seinem Schloss herausgetragen. Maruzza aber stand königlich geschmückt auf ihrem Balkon und betrachtete stolz den traurigen Zug. Als aber der Sarg unter ihrem Fenster angekommen war, beugte sie sich heraus und rief mit lauter Stimme: »Und aus Liebe zu einem irdischen Weib hast du dich dazu hergegeben, bei lebendigem Leib als Toter im Sarge zu liegen?« und spuckte ihm zweimal ins Gesicht. Da erkannte er sie und rief laut: »Maruzza, meine Maruzza.« Als er aber so rief, da eilte sie zu ihm hinunter und sprach: »Ja, ich bin deine Maruzza, den Kummer, den du mir zugefügt hast, habe ich dich auch fühlen lassen wollen; doch nun ist Alles gut, und der Geistliche, der uns trauen soll, wartet schon.« Da wurde ein glänzendes Hochzeitsfest gefeiert und der Prinz wurde König und Maruzza wurde Königin.

Gonzenbach, Laura: Sicilianische Märchen. Leipzig: Engelmann 1870, S. CLXVII167-CLXXVII177, bearbeitet.

 


 

Es gibt eine Kraft aus der Ewigkeit und diese Kraft ist grün. Aus lichtem Grün sind Himmel und Erde geschaffen. Hildegard von Bingen

Eine grüne Kraft, die von weit her, aus der Frühzeit unserer Geschichte kommend, unsere Welt, unser Leben durchzieht - eine Vorstellung, die ebenso poetisch wie einleuchtend ist, besitzen wir doch ein tiefes Wissen darum, dass wir aus grünem Grund, einer grünen Wurzel erwachsen sind.

Ebenso natürlich und sinnhaft ist das Erscheinen des grünen Vogels in dem italienischen Märchen, Symbol der Freiheit, des Geistigen, Himmlischen, der auftaucht, sobald der Mensch ihm eine Pforte öffnet. Ein Vater sperrt seine Tochter, hier die geliebte Maruzza, ein, aus Sorge um ihr Leben und Wohlergehen, ein bekanntes Märchenmotiv, er schützt sie, schneidet ihr aber auch das Leben ab.
Alles Spitze, Scharfe wird verbannt, symbolisch damit vielleicht alles Verletzende, Enttäuschende, Reibung erzeugende. Ein im Wachsen begriffener Mensch braucht aber genau auch diese scharfen, schneidenden Erfahrungen und so sucht Maruzza sich sehr schnell ein solches Instrument, ein spitzes Knöchelchen, mit dem sie den Weg frei macht für den Eintritt der wirklichen, ungefilterten Welt.
Diese erscheint dann auch in Gestalt eines grünen Vogels, einer ursprünglichen geistigen Kraft. Ein Dialog entsteht, der offensichtlich für beide, den Vogel und das Mädchen, neue Welten öffnet, Vertrauen, Liebe entwickeln sich, kraftvoll, rein, schön, so lange alles im Geistig - Seelischen bleibt, abgeschirmt von der irdischen Welt. Diese bricht in Gestalt des Königs herein, der seine Tochter zurückholt, und, wie oft beim Einbruch des Irdischen, beginnen nun die Probleme.
In sehr verschiedene Richtungen gehen jetzt die Wege der Beiden. Maruzza schöpft eine geradezu übermenschliche Kraft aus der Begegnung mit dem grünen Geist, ganz anders der junge Prinz. Bei ihm mischen sich zunehmend andere Töne in das tiefe Grün, gelbe Schattierungen von Gier, Überheblichkeit, Undankbarkeit. Einen langen Weg des Erlebens und Erfahrens muss er durchleben und durchleiden, bis er zurück findet zu dem reinen, tiefen Grün eines gegründeten seelisch - geistigen Daseins und Miteinanderseins.
Da sah sie alle die schönen Blumen und den blauen Himmel mit der Sonne und durch das Loch kam ein wunderschöner, leuchtend grüner Vogel hereingeflogen …

Ricarda Lukas