header_start_900px_neu

Die glückseligen Inseln des ewigen Lebens.

Wo diese Inseln, von denen man in Japan so oft erzählen hört, eigentlich liegen, das vermag Niemand zu sagen. Manchmal freilich berichten Leute, welche am Gestade des Ostmeeres wohnen, von einem herrlichen Baume, den sie über die Fluten emporragen sahen. Das ist der Baum, der auf dem höchsten Gipfel des Fusan, des größten Berges der glückseligen Inseln, steht. Und wie freuen sich die Sterblichen, wenn sie dies Wahrzeichen jenes heiligen Landes erblicken, zu dem nur Auserlesene den Zugang finden! Wie sehnsüchtig schauen sie hin nach dem wunderbaren Baume, und wie emsig suchen sie die Richtung zu erspähen, in welcher das glückselige Horaisan – so nennt es der Japaner – gelegen ist! Kaum aber glauben sie Sicherheit darüber erlangt zu haben, dann verschwindet der Baum vor ihren Augen, und es ist sehr ungewiss, ob er jemals wieder sichtbar wird. So leben denn die Menschen noch heutigen Tages der Hoffnung, dass der Weg zu den glückseligen Inseln gefunden werde, deren Wunder sie zu preisen nicht aufhören. Denn dort grünt und blüht alles das ganze Jahr hindurch; ein ewiger Frühling erhält die Luft lind und den Himmel blau. Dort geht die Zeit spurlos am Menschen vorüber, und der Tod findet dorthin keinen Weg; dieser böse Gast, der den Menschenkindern so arge Qualen bereitet, ist auf den glücklichen Inseln des ewigen Lebens unbekannt. Dort gibt es keine Pein, keinen Schmerz; in Frieden und Freuden vergeht die Zeit. Die Vögel, welche das Entschwinden des Sommers beklagen und vor Einbruch des Winters fortziehen, flüchten nach Horaisan. Ganz genau weiß man dies von den sanften Schwalben. Manchmal, wenn kühne Seefahrer vom Festlande aus es unternahmen, das Land des ewigen Lebens aufzusuchen, kamen sie nicht weiter als nach Japan, und so ist es gekommen, dass beide Länder mit einander verwechselt wurden, und dass man wohl vermeinte, der hohe Fujiyama sei der herrliche Fusan. Das war aber ein großer Irrtum, denn das Reich Horaisan ist noch weit, weit von Japan entfernt, viel weiter als Japan von China entfernt ist, und nur übernatürliche Mächte vermögen einen Menschen dorthin zu führen. Dies ist jedoch, wie die Sage lautet, einige Mal der Fall gewesen; der weise Japaner Wasobiowe aber war wohl der Einzige, der je von dort heimkehrte, und ihm ist es vorbehalten gewesen, wirkliche Kunde von dem wunderbaren Lande zu geben. Wenn nämlich die Götter irgend einem Sterblichen so zugetan waren, dass sie ihn den Weg nach Horaisan finden ließen, so kam es ihm schwerlich in den Sinn, das vollkommen glückliche Leben, das er dort führte, mit dem früheren unvollkommenen zu vertauschen. So geschah es, dass einst ein Kaiser von China sein Land so schlecht regierte und ein so grausamer Despot war, dass sein Leibarzt Jofuku beschloss, sich dieser Tyrannei und der steten Gefahr, in der sein Leben schwebte, zu entziehen. Er sprach eines Tages zu dem Herrscher: »Gib mir ein Schiff und Gefolge und lass mich ausziehen, um das glückselige Reich Horaisan zu finden und dort das Kraut der Unsterblichkeit zu suchen, das auf dem Berge Fusan wächst. Dies bringe ich dir dann zurück, und hast du es in deinem Besitze, so hast du nichts zu fürchten und hast es ganz in deiner Macht, deine Tage zu verlängern und dich schließlich zum Herrscher der ganzen Erde zu machen.« Diese Worte waren dem Tyrannen lieb zu hören, und er besann sich keinen Augenblick, seinen Leibarzt Jofuku mit großem Gefolge nach Horaisan zu senden. Jofuku, der sehr froh war, dass er sich, seine Freunde und deren Angehörige der Gewalt des Tyrannen entzogen hatte, schiffte sich ein, kam auch nach Japan, fuhr aber weiter und weiter, bis er in der Tat die glückseligen Inseln erreichte. Dort angekommen, genoss er in vollen Zügen das Glück, das ihm beschert war, und dachte nicht daran, zurückzukehren und die Tage seines Gebieters über die natürliche Dauer seines Lebens zu verlängern. Der Japaner Wasobiowe aber, dem er nachmals diese seine Geschichte erzählte, gelangte auf folgende Weise nach Horaisan. Er war ein alter, würdiger Mann, der sich von den alltäglichen Geschäften zurückgezogen hatte und in beschaulicher Ruhe seine Tage in der Nähe von Nagasaki verbrachte. Wenn er seiner Lieblingsbeschäftigung nachging und in einem kleinen Bote auf das Meer hinausfuhr, um zu angeln, blieb er tagelang fort. Einst, als die achte Vollmondnacht des Jahres hereinbrach, die ja von allen die schönste ist, beschloss er, um den zahlreichen üblichen Besuchen aus dem Wege zu gehen, eine Fahrt auf das Meer hinaus zu machen. Deshalb nahm er seine Angelschnur und setzte sich in den Kahn. Er war ein gewandter, kundiger Schiffer, und so machte es ihm nichts aus, ob die Nacht- oder die Tageszeit ihn auf dem Wasser traf. Gemächlich fuhr er am Gestade dahin und freute sich des prachtvollen, hellen Mondscheines, der ihn die Schönheiten der Landschaft erkennen ließ. Doch plötzlich zogen schwarze Wolken herauf, der Regen rauschte in Strömen herab und pechschwarze Finsternis umgab ihn. Bald brach der Sturm los und türmte die Wellen zu Bergen empor, auf denen sein Schiffchen wie ein Ball umhertanzte. Der schwache Mast brach denn auch alsobald in Stücke und verschwand mit dem Segel in der schäumenden Flut. Wasobiowe aber verlor den Mut nicht und ruderte und kämpfte tapfer um sein Leben. Sein mastberaubtes Fahrzeug schoss pfeilschnell vor dem Sturme dahin, und es war nicht daran zu denken, das heimatliche Ufer zu erreichen, denn Wasobiowe schätzte die Entfernung sehr bald auf mehr denn tausend Wegstunden. Als der Tag anbrach, ließ der Sturm keineswegs nach; im Gegenteil, seine Wut verdoppelte sich, so dass die weite Wasserfläche nur ein einziger Gischt und Schaum zu sein schien, aus dem die Wogen sich haushoch heranwälzten. Und so musste der unverzagte Schiffer drei Tage und drei Nächte mit Sturm und Wogengebrause kämpfen. Er hatte sich längst in sein Schicksal ergeben, als mit einem Male der Sturmwind sich legte und Ruhe an die Stelle des heulenden Unwetters trat. Wasobiowe, der den Lauf der Sterne kannte, sah nun klar, wie unendlich weit er von seiner Heimat Japan entfernt war, und da er nirgends ein gastliches Gestade erspähen konnte, so musste er sich darein ergeben, aufs Geratewohl durch das Meer dahinzufahren. Zum Glück hatte er noch seine Angelschnur; diese warf er aus und fristete mit Fischen, die er fing und roh verzehrte, sein Leben. Tag für Tag, Woche auf Woche verrann, ohne dass seine Lage sich änderte, und so ruderte er drei Monate, bis er in die schlammige See kam, in ein böses Gewässer, von dem er nur verlorene Kunde vernommen. Er war sehr erstaunt über diese Begebenheit, die ihm aber auch beinahe das Leben gekostet hätte; denn in dem schlammigen Meere hielt sich kein Fisch auf, und so glaubte er schon, er sei dem Hungertode preisgegeben. Er ruderte und ruderte indessen, bis ihn seine Kräfte zu verlassen anfingen; da umspielte ein würziger Landwind seine Schläfe, und neu belebt ergriff er die Ruder und gelangte nach zwölf ferneren mühevollen Stunden zu dem Gestade von Horaisan. Noch wußte er nicht, wo er war, und verwundert blickte er umher, als er sein Fahrzeug verlassen. Glück und Wonne umgaben ihn; er fühlte keine Schwäche und wußte nichts mehr von allen Gefahren seiner Reise. Da näherte sich ihm ein ehrwürdiger Greis, den er verstand, denn er sprach chinesisch, und dieser war eben jener Jofuku, den einst sein Gebieter ausgesandt hatte, um das Kraut der Unsterblichkeit zu suchen. Er begrüßte den Wasobiowe aufs freundlichste, erzählte ihm seine Geschichte und fügte hinzu, dass er nicht gesonnen sei, je wieder nach China zurückzukehren. Wasobiowe aber freute sich über alle Maßen, als er hörte, wo er war, und pries die Götter für das ihm bescherte Glück. So blieb er in Horaisan wohl ein paar hundert Jahre; doch wußte er nicht, wie lang der Zeitraum war, denn dort, wo alles sich gleich bleibt, wo keine Geburt und kein Tod vorkommt, da achtet Niemand auf die rollende Zeit. Mit Tanz und Musik, im Gespräch mit weisen und geistreichen Männern, im Umgange mit schönen und liebenswürdigen Damen vergingen ihm seine Tage. Endlich aber – er hätte es kaum für möglich gehalten – ward Wasobiowe des süßen Daseins müde; er sehnte sich nach dem Tode. Doch dieser Wunsch war unerfüllbar; hier konnte er nicht sterben, und hätte er gewaltsam seinem Leben ein Ende machen wollen, es wäre auch das unmöglich gewesen. Hier gab es keine Gifte, keine todbringenden Waffen; ein Hinabstürzen in Abgründe, ein Anrennen an spitze Felsen oder ähnliche Gegenstände war so viel als ein Fall auf weiche Polster; wollte er sich in die See stürzen, so trug ihn das Wasser wie Kork. Dem armen Wasobiowe, zum Tode müde, konnte hier nicht geholfen werden. In dieser Not kam ihm eines Tages ein guter Gedanke. Er beobachtete die großen Vögel des Landes und beschloss, eines dieser Tiere zu zähmen und auf dessen Rücken die Heimreise zu wagen. Er wählte sich zu dem Zweck einen riesenhaften Storch aus, der ihm auch sehr zugetan wurde und ihn auf seinen Zuruf trug, wohin er wollte. Als die Zeit ihm passend und gut däuchte, da versorgte er sich mit reichlichem Vorrate der ausnehmend nahrhaften Speisen von Horaisan, stieg auf den breiten Rücken des Tieres, und fort flog er über das Meer hinweg. Durch viele sonderbare und merkwürdige Länder brachte ihn der Storch. So sah denn Wasobiowe auf dieser Reise alles was unter der Sonne und über der Erde sich befindet; alle Länder der Welt lernte er kennen, und als er endlich in seiner geliebten Heimat, in Japan, auf dem Rücken des Storches ankam, da vermochte er seinen Landsleuten über alles Nachricht zu bringen, und sie horchten seinen Erzählungen und waren sehr froh, eine Beschreibung des Reiches Horaisan durch seinen weisen Mund zu bekommen. Dass Wasobiowe nichts berichten konnte von dem, was über den Sternen und unter dem Meere war, das kümmerte ihn und seine Landsleute wenig; denn den Himmel hat Buddha bekannt gemacht, und von den Tiefen des Ozeans hat Uraschimataro erzählt, und dem brauchte er nichts hinzuzufügen. Die Geschichte aber, die Wasobiowe von den glückseligen Inseln erzählte, hat sich erhalten, und damit man den Erzähler nicht über den wundervollen Begebenheiten seines Lebens vergesse, bildet man ihn fortwährend auf allerlei Weise ab, wie er auf dem Rücken des großen, schönen Storches steht und bereit ist, die Welt zu durchfliegen.

(Brauns, David: Japanische Märchen und Sagen, Leipzig, Verlag Wilhelm Friedrich 1885 S. 146-152, bearbeitet)

 


 

Denn dort grünt und blüht alles das ganze Jahr hindurch; ein ewiger Frühling erhält die Luft lind und den Himmel blau ...

Dort, das ist Horaisan, die Insel der Glückseligen, das japanische Paradies, nach dem die Menschen in Japan, wie überall auf der Welt, suchen.
Natürlich ist es sowohl genauso schwer zu finden wie zu erreichen, sehnsüchtig schauen die Menschen nach dem herrlichen Baum auf dem hohen Paradiesberg Fusan, dem einzigen in der Menschenwelt sichtbaren Hinweis auf die Insel, ist er aber aufgetaucht und scheint den Weg zu weisen, ist er bereits wieder verschwunden und mit ihm alle Hoffnung auf ein Entkommen aus der beschwerlichen irdischen Welt - „denn das Reich Horaisan ist noch weit, weit von Japan entfernt, viel weiter als Japan von China entfernt ist, und nur übernatürliche Mächte vermögen einen Menschen dorthin zu führen.“
Manchmal aber, selten, findet doch ein menschliches Wesen den Weg zu der Insel. Absichtsvoll, wie der Arzt Jofuku, dessen vorgetäuschte Suche nach dem Kraut der Unsterblichkeit an den sumerischen Helden Gilgamesch erinnert, der die Todeswasser überwindet, das Kraut der Unsterblichkeit erhält, es auf der Rückreise aber wieder verliert. Anders als Jofuku kehrt Gilgamesch in die Menschenwelt zurück und wird, aus den Erfahrungen seiner Reise Weisheit schöpfend, seinem Volk ein guter und gerechter König.
Diese Rolle kommt in dem japanischen Märchen Wasobiowe zu, der friedvoll am Meer lebt und absichtslos in eine Abenteuer - und Nachtmeerfahrt hinein gezogen wird, die ihn in das paradiesische Land Horaisan führt. Er genießt das zauberhafte Leben dort in vollen Zügen - „Mit Tanz und Musik, im Gespräch mit weisen und geistreichen Männern, im Umgange mit schönen und liebenswürdigen Damen vergingen ihm seine Tage.“ Endlich aber treibt ihn die Sehnsucht doch zurück in die Menschenwelt und so wie Gilgamesch voller Weisheit und Wissen aus dem Land der Unsterblichen heimkehrt, so kehrt Wasobiowe voller Geschichten von den immergrünen Inseln der Glückseligkeit zurück. Andere Berichte sagen, er hätte darüber hinaus auch noch die Orange als Frucht des Paradieses im Gepäck gehabt und sie, ebenso wie seine Geschichten, den Menschen geschenkt, ihnen damit die Süße und Schönheit erlebbar gemacht, die zu jeder Zeit inmitten unseres Lebens aufkeimen kann und deren Farbe das Grün als Farbe der Hoffnung ist.

Ricarda Lukas