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Erlenklotz

Ein Mann machte aus einem Erlenklotz ein Kind und schaukelte es drei Jahre lang. Da bekam es Leben. Aber es aß so schrecklich, daß sie es zu Hause nicht mehr behalten konnten. In der Nähe war ein Gutshof, dahin schickten sie den Jungen in die Arbeit. Aber auch dort wollten sie ihn nicht lange behalten, sondern gedachten ihn zu töten. Sie warfen einen Ring in den Brunnen und befahlen Erlenklotz, ihn heraufzuholen. Der Junge ging hin, und jene Bösewichter ließen einen Mühlstein auf ihn hinabfallen. Er warf ihn zurück und sagte: »Was schmeißt ihr denn solche Brotlaibe nach mir?« Er kam herauf und brachte den Ring.
Darauf schickten sie ihn in den Wald, um Holz zu hacken. Er schlief bloß und aß, und die Ochsen fuhren ihm eine Woche lang Essen hin, weil sie sich nicht getrauten, ihm keines zu geben. Am Samstagabend fing er endlich an, Holz zu hacken. Und so weit, als die Axthiebe schallten, so weit fielen die Bäume. Dann begann er die Bäume zu ästen, und so weit, als die Axthiebe schallten, so weit wurden alle Bäume geästet. Auf dieselbe Weise spaltete er sie auch. Dann nahm er zwei Scheite in die Hände und schlug sie zusammen; und so weit die Schläge schallten, so weit schichtete sich alles Holz auf. Unterdessen waren zu Hause die Kanonen und alles instand gesetzt worden gegen ihn. Na, und dann kam Erlenklotz nach Hause, und sie schössen mit den Kanonen nach ihm. Da sagte er: »Laßt das Steinewerfen, oder ich werfe sie euch zurück!« Dann versprach er schließlich wegzugehen, aber er wollte einen Ranzen aus Leder haben, in den fünf Tonnen gingen. Da machten sie ihm einen solchen Ranzen, und er ging damit weg. Er ging zum Teufel, und der große Teufel lag in seinem Bette. Als er den Ranzen sah, sprach er: »Gib mir den!« Er gab ihn aber nicht, und der große Teufel fing an zu schreien: »Jungen, Jungen!« Die Jungen kamen, und Erlenklotz jagte alle Jungen des großen Teufels in den Sack und ging davon. Dann wanderte er am Strande des Meeres entlang, und es begegnete ihm ein großer, langer Angler. Dem warf er seine Angel ins Meer. »Warum hast du mein Handwerkszeug ins Meer geworfen?« fragte der Angler. – »Wir sind starke Männer, laß uns zusammen gehen!« Darauf begegnete ihnen ein Steinklopfer mit zwei Steinblöcken in der Hand. Die warf ihm der Junge auch ins Meer. Da sagte der Steinklopfer: »Warum hast du mein Handwerkszeug ins Meer geworfen?« Er antwortete: »Wozu brauchen wir das? Wir sind drei starke Männer.« Dann gingen sie zusammen weiter. Und es war an einer Stelle ein Loch in der Erde. Da wollten sie versuchen, wie es dort wäre, kalt oder warm. Zuerst stieg der Angler hinein und sagte: »Zieht mich hinauf, hier ist es so kalt.« Dann stieg der Steinklopfer hinein, der ging durch das Kalte, aber dann wurde es sehr heiß, und er schrie: »Zieht mich hinauf!« Alsdann stieg Erlenklotz hinein, und der hielt auch die Hitze aus. Dort waren zwei schöne Mädchen, und er half ihnen nach oben. Danach hätten ihn die anderen hinaufziehen sollen, aber sie taten es nicht. Es war aber unter der Erde ein Adlernest, darüber warf der Junge seinen Rock. Der alte Adler kam und fragte: »Wer hat denn das getan?« – »Ich!« rief der Junge. »Was willst du zum Lohn haben, wenn du mein Nest in Ruhe läßt?« sagte der Adler. »Ich will, daß du mich hinaufbringst.« – Da machten sie sich nach oben auf. Der Adler hatte einen Ochsenschenkel bei sich, den aßen sie auf der Reise. Er brachte den Jungen hinauf, und dort stritten sich die Anderen schon um die Mädchen. Der Junge aber wurde so zornig, daß er beiden den Kopf abschlug.

Löwis of Menar, August von: Finnische und estnische Volksmärchen. Jena: Eugen Diederichs, 1922, S. 96-97.


Verwandlung gelingt nicht immer

Ein Kinderwunsch besteht, dieser wird aber nicht auf natürlichen Wege erfüllt, es bedarf eines magischen Vorganges, um das Gewünschte ins Leben zu rufen. Dies ist ein häufiges Motiv im Märchen, oft mit einer Verwandlung verbunden. Mitunter ist es nur ein ausgesprochener Wunsch oder Seufzer nach dem nicht vorhandenen Kind, der von einem magischen Wesen erhört und erfüllt wird. In anderen Fällen müssen die zukünftigen Eltern viel auf sich nehmen, sogar Gefahr für Leib und Leben, um die magische Empfängnis zu erlangen, so den verbotenen Abstieg in den verschlossen Garten der Zauberin Gothel nach den schönsten Rapunzeln, frisch und grün (Rapunzel 1857), einen Pakt mit dem Teufel (Die Prinzessin im Sarg und die Schildwache/ Venetien), ja, sie müssen sogar das Wissen um das ungewisse, beängstigende Schicksal oder den frühen Tod des so gewünschten Kinder ertragen (Turm zu den Sternen/ Baskenland).

Aus einem Erlenklotz wird das heiß ersehnte Kind in dem finnischen Märchen hervorgebracht, sein Vater „...schaukelte es drei Jahre lang. Da bekam es Leben.“, auch dies ein durchaus engagierter Einsatz für den Wunsch nach einem Kind. Der mutige und liebevolle Einsatz der Eltern für ihr Kind, dessen eigene Entfaltung zu Schönheit und Güte hin, wird, dies erscheint uns Hörern und Lesern des Märchens richtig, gerecht, zumeist belohnt. Anfangs gezeichnet durch den magische Pakt, der seiner Geburt zugrunde lag, eine Esels - oder Igelhaut, den frühen Tod oder die Auslieferung an das zumeist dämonische Wesen, wandelt sich das Schicksal des Kindes und verwandelt sich seine Gestalt ins Lichte und Gute. „Von Stund an begann sie auch allmählich weiß zu werden, und Morgens Glock sechs stand sie da in voller Schönheit und weiß wie zuvor.“ (Die schwarze Prinzessin/ W.Busch). Genau dies passiert im vorliegenden Märchen nicht, aus einem Erlenklotz entstandenen, bleibt der junge Mann ein Klotz, in seinem Handeln, seinem Verhalten, seiner sozialen Einbindung. Sowohl äußerlich wie innerlich wirkt er grob, ungestalten, erinnert eher an ein Stück Holz als eine lebendige Seele. Wandeln bedeutet von seiner Wortherkunft her wenden, sich wiederholt wenden. Wandlung ist somit ein aktiver Prozess, sie geschieht nicht von selbst, Altes, Ansichten, Verhaltensweisen, Fantasien, müssen bewusst aufgegeben werden und Platz für Neues machen, für mehr Freundlichkeit, Verbindlichkeit, Vernunft und Annahme. Nur so wird aus der anfänglichen Raupe der Schmetterling. Im Märchen vom Erlenklotz aber bleibt alles wie es war.

(Ricarda Lukas)