header_start_900px_neu

Fürst Danilo und seine Schwester

Es lebte einmal eine Fürstin. Sie hatte einen Sohn und eine Tochter, die waren stattlich und schön. Das mißfiel einer bösen Hexe, und sie dachte darüber nach, wie sie die beiden ins Unglück bringen könnte. Sie verwandelte sich in eine Füchsin, kam zur Fürstin und sprach: »Liebe Frau Gevatterin, da hast du einen Ring, steck ihn deinem kleinen Sohn an den Finger, dann wird er immer reich und klug sein! Nur darf er den Ring nicht vom Finger ziehen, und er muß das Mädchen heiraten, dem mein Ring paßt!« Die Fürstin glaubte der Füchsin, freute sich, und bevor sie starb, befahl sie dem Sohn, nur eine Frau zu nehmen, der der Ring passen würde. Die Zeit vergeht, der Sohn wächst heran. Als er erwachsen war, fing er an, sich eine Braut zu suchen. Bald gefällt ihm diese, bald gefällt ihm jene, wenn sie aber den Ring anprobieren, ist er entweder zu klein oder zu groß. Keiner paßt er. So ritt er überall umher, durch die Dörfer, durch die Städte, aber keinem schönen Mädchen paßte sein Ring, und die ihm Vorherbestimmte fand er nicht. Er kam wieder nach Hause geritten und versank in tiefe Gedanken. »Lieber Bruder, weshalb bist du so traurig?« fragt ihn die Schwester. Da erzählte er ihr sein Mißgeschick und klagte ihr sein Leid. »Was ist denn das für ein wunderlicher Ring?« sagt die Schwester, »gib her, ich will ihn mal anprobieren!« Sie zog ihn an den Finger, der Ring schmiegte sich an, erstrahlte und paßte ihr, als wäre er für sie geschmiedet. »Ach Schwester, du bist die mir Bestimmte, du wirst meine Frau!« »Was fällt dir ein, Bruder! Denke an Gott, denke an die Sünde, heiratet man denn seine eigene Schwester?« Aber der Bruder wollte nichts hören, sprang vor Freude und hieß die Schwester, sich zur Trauung fertigmachen. Da fing sie an, bitterlich zu weinen, trat aus dem Hause, setzte sich auf die Schwelle, und die Tränen flossen wie ein reißender Bach! Da kamen wandernde Bettelweiberchen vorüber Das Mädchen bat sie einzutreten, wollte ihnen zu essen und zu trinken geben. Da fragten die Weiberchen, was sie für einen Kummer, was sie für ein Leid hätte? Wozu sollte sie es verbergen? Sie erzählte ihnen alles. »Na, weine nicht, traure nicht, tu, was wir dir sagen: mache vier Puppen und setze sie in die vier Ecken; wenn der Bruder dich zur Trauung ruft, dann geh; wenn er dich aber in die Kammer ruft, dann beeile dich nicht. Vertrau auf Gott und lebe wohl!« Die Alten gingen. Der Bruder ließ sich mit der Schwester trauen, ging in die Kammer und ruft: »Komm Schwester Katerina, komm zu mir ins Federbett!« Sie antwortet: »Sofort, lieber Bruder, ich lege nur die Ohrringe ab!« Die Puppen in der Ecke aber riefen: Kuku, Fürst Danilo Kuku, ist so hastig, Kuku, heiratet Kuku, seine Schwester. Kuku, Erde, tu dich auf, Kuku, Schwester, versinke! Die Erde tat sich auf, und die Schwester fing an zu versinken. Der Bruder ruft wieder: »Komm, Schwester Katerina, komm ins Federbett!« »Sofort, lieber Bruder, ich binde gerade den Gürtel auf!« Die Puppen riefen: Kuku, Fürst Danilo Kuku, ist so hastig, Kuku, heiratet Kuku, seine Schwester. Kuku, Erde, tu dich auf, Kuku, Schwester, versinke! Nur noch ihr Kopf ist zu sehen. Der Bruder ruft zum drittenmal: »Komm, Schwester Katerina, komm ins Federbett!« »Sofort, lieber Bruder, ich ziehe gerade die Schuhe aus!« Die Puppen sagten wieder ihr Sprüchlein, und die Schwester verschwand in der Erde. Der Bruder ruft noch einmal, ruft lauter, sie aber kommt nicht. Da wurde er böse, kam gelaufen, stieß gegen die Tür, die Tür flog aus den Angeln, er schaute nach allen Seiten, die Schwester war spurlos verschwunden! In den vier Ecken sitzen nur die Puppen und sprechen vor sich hin: »Erde tu dich auf, Schwester versinke!« Da ergriff er ein Beil, schlug ihnen die Köpfe ab und warf sie in den Ofen. Die Schwester aber ging und ging unter der Erde weiter, und da sieht sie plötzlich, dort steht eine kleine Hütte auf Hühnerbeinchen und dreht sich um sich selbst. »Hüttchen, Hüttchen, stell dich wie vorher, die Hinterseite zum Walde, die Vorderseite zu mir!« Das Hüttchen blieb stehen, und die Tür tat sich auf. In der Hütte aber saß ein schönes Mädchen und bestickte ein Tuch mit Gold und Silber. Sie empfing den Gast freundlich, seufzte und sagt: »Liebes, liebes Schwesterchen, ich bin herzlich froh, daß du gekommen bist, und will gut und freundlich zu dir sein, solange meine Mutter nicht da ist. Wenn die aber geflogen kommt, dann geht es dir und mir schlecht, denn sie ist eine Hexe!« Der Gast erschrak über solche Worte, aber wohin sollte sie? Und so setzte sie sich zu dem Mädchen, und beide nähten am Tuch. So nähen sie und unterhalten sich. Ob lang, ob kurz, das Mädchen wußte die Zeit, sie wußte, wann die Mutter heimkam, und so verwandelte sie den Gast in eine Nadel, steckte die Nadel in die Birkenrute fürs Dampfbad und stellte sie in die Ecke. Kaum war das geschehen, da kam auch schon die Hexe zur Tür herein: »Du meine liebe Tochter, du meine schöne Tochter! Pfui, es riecht nach Russenfleisch.« »Liebe Frau Mutter, wandernde Bettler gingen vorüber, traten ein und tranken Wasser.« —»Was hast du sie denn nicht dabehalten?« »Sie waren zu alt für deine Zähne.« »In Zukunft mach es so, laß alle herein, laß niemand hinaus; ich aber will wieder meine Beinchen heben und für uns was holen zum Essen und Leben!« Sie ging. Die Mädchen setzten sich wieder an ihre Arbeit, sie nähten am Tuch, sprachen und lachten. Wieder kam die Hexe geflogen und fuhr schnuppernd durch die Hütte: »Du meine liebe Tochter, du meine schöne Tochter! Pfui, es riecht nach Russenfleisch!« »Ja, gerade eben waren ein paar Alterchen da, um sich die Hände zu wärmen, ich bat sie sehr zu bleiben, sie wollten aber nicht.« Die Hexe war hungrig, schalt ihre Tochter und flog wieder fort. Der Gast hatte die ganze Zeit über in der Birkenrute gesessen. Eilig machten sich die beiden an das Nähen des Tuches. Sie nähen schnell und beratschlagen, wie sie dem Unglück entgehen könnten, wie sie der bösen Hexe entkommen könnten. Sie hatten kaum Zeit, sich einen Blick zuzuwerfen, leise ein paar Worte zu wechseln, da war sie auch schon wieder da, wie der Wolf in der Fabel, und überraschte sie diesmal: »Du meine liebe Tochter, du meine schöne Tochter! Pfui, es riecht nach Russenfleisch.« »Ja, liebe Mutter, dieses schöne Mädchen da wartet auf dich.« Das schöne Mädchen blickte auf die Alte und erstarrte! Vor ihr stand die Baba-Jaga, das knöcherne Bein, die ellenlange Nase. »Du meine liebe Tochter, du meine schöne Tochter! Heiz den Ofen ganz-ganz-heiß!« Sie schleppten Holz herbei, Eichenholz und Ahornholz, und machten ein großes Feuer: Die Flamme schlug schon aus dem Ofen heraus. Die Hexe nahm eine breite Schaufel und wandte sich höflich an den Gast: »Setz dich doch mal, du Schöne, auf die Schaufel!« Die Schöne setzte sich. Da schob sie die Hexe ins Ofenloch, aber das Mädchen hielt das rechte Bein nach oben, das andere nach unten. »Mädchen, du verstehst ja nicht einmal zu sitzen, setz dich doch ordentlich hin!« Sie rückte sich zurecht, setzte sich ordentlich hin. Die Hexe schob wieder die Schaufel, und die Schöne hielt das linke Bein nach oben, das andere nach unten. Jetzt wurde die Hexe wütend und zog sie heraus. »Was machst du für Dummheiten, Mädchen! Sitz ruhig, so … schau auf mich!« Und die Baba-Jaga setzt sich selbst auf die Ofenschaufel, streckt die Beine gerade aus, da schoben sie die Mädchen schnell in den Ofen hinein, machten alle Türen zu, wälzten Holzklötze davor, verschmierten und verpichten alle Ritzen, nahmen das Tuch, an dem sie genäht hatten, eine Bürste und einen und rannten so schnell sie konnten davon. Sie liefen und liefen. Als sie sich einmal umsahen, hatte sich die Böse herausgearbeitet, hatte die Mädchen erblickt und pfiff hinter ihnen her: »Hai, hai, hai, also da seid ihr!« Was sollten sie machen? Sie warfen die Bürste hinter sich und auf der Stelle wuchs ein Schilfdickicht empor. Nun kommt sie sicher nicht durch! Aber die Hexe spreizte die Krallen, riß sich einen Weg durch das Schilf und ist bald wieder ganz dicht hinter den Mädchen her … Wohin jetzt? Schnell warfen sie den Kamm hinter sich und sogleich wuchs hinter ihnen ein ganz dunkler Eichenwald, so dicht, daß keine Fliege hindurchfliegen kann. Aber die Hexe wetzte die Zähne und fing an zu arbeiten: wo sie hinhaut, da reißt sie einen Baum mit allen Wurzeln aus der Erde! Sie wirft die Eichen nach allen Seiten, bahnt sich einen Weg und ist wieder hinter den Mädchen her … jetzt schon ganz nah! Sie liefen und liefen, aber wohin sollten sie?! Da warfen sie das golddurchwirkte Tuch hinter sich und es entstand ein breites Meer, tief und auch feurig aufflammend. Die Hexe erhob sich hoch in die Lüfte, wollte hinüberfliegen, fiel aber hinunter ins Feuer und verbrannte. Die beiden Mädchen waren wie zwei obdachlose Tauben. Sie mußten doch irgendwohin gehen, aber wohin? Sie wußten es nicht. So setzten sie sich hin, um auszuruhen. Da trat ein Mann zu ihnen und fragt: »Wer seid ihr?« Und dann meldete er seinem Herrn, daß auf seinem Grund und Boden nicht zwei kleine Zugvögel säßen, sondern zwei Mädchen, die wären so schön, wie gemalt und dazu beide gleich fein und prächtig anzusehen und beide gleich von Gestalt und Angesicht: die Augen gleich, die Brauen gleich! »Eine von ihnen muß, gnädiger Herr, Ihre Schwester sein, welche aber, das kann man nicht erraten.« So ging der Herr hinaus zu den Mädchen und lud sie zu sich ein. Und er sieht, daß sein Diener die Wahrheit gesprochen hat, seine Schwester ist da, aber welche ist es? Er kann sie nicht erkennen; sie spricht nicht und sie rührt sich auch nicht. »Wissen Sie was, Herr!« sagt der Diener, »ich will eine Hammelblase mit Blut füllen, die binden Sie unter den Arm und unterhalten sich mit den Gästen, ich aber will zu Ihnen herantreten und mit einem Messer auf Sie einstechen; das Blut wird fließen, und Ihre Schwester wird schreien!« »Gut!« Wie sie es sich ausgedacht hatten, so taten sie es auch. Der Diener stach nach seinem Herrn, das Blut spritzte. Der Bruder fiel hin, die Schwester warf sich auf ihn, umarmte und küßte ihn und klagte laut: »Du mein Lieber, du mein Einziger!« Der Bruder aber sprang ganz gesund auf und umarmte seine Schwester. Er verheiratete sie bald mit einem guten Menschen. Selbst aber heiratete er ihre Freundin, der auch der Ring genau paßte, und sie lebten herrlich und in Freuden.


Der Ring schmiegte sich an, erstrahlte und paßte ihr, als wäre er für sie geschmiedet ...

Der Ring, als Zeichen der Verbindung und Verbindlichkeit, der Ganzheit und Geschlossenheit, ist für sie gemacht, für die bildschöne Schwester des Fürsten. Erst an ihrem Finger glänzt und erstrahlt der Ring. Offensichtlich ist der Ring aber nicht nur für sie gemacht, denn es gibt noch eine andere, an deren Finger er passt.
Zum Abschluss des Jahres und als letztes der Zwillingsmärchen bietet das 1861 erstmals vom russischen Märchenforscher Alexander Afanasjew veröffentlichte Märchen eine ebenso seltsame wie reizvolle Zwillingskonstellation an. Zwei Schwestern, Zwillinge sogar, denn sie gleichen sich „von Gestalt und Angesicht: die Augen gleich, die Brauen gleich!“, leben in zwei weit voneinander entfernten Welten. Die eine, Schwester des Fürsten, auf der Sonnenseite des Lebens, in Schönheit und Reichtum. Die andere, Hexentochter, unter der Erde, im Reich der Hexe, auf der Schattenseite. Erst durch eine Notsituation kommen die Beiden, deren Begegnung anfangs eher unwahrscheinlich ist, zueinander. Der Fürst will seine Schwester heiraten, sie ist die, vom Ring erkannte, richtige Braut. Diese aber spürt und ahnt, dass sie genau das nicht ist und beginnt folgerichtig den so heldentypischen Abstieg in die Unterwelt, der ja immer ein Weg der tiefen Erkenntnisse ist. Dort begegnet sie in Gestalt der Hexentochter Ihrem Eben- und Spiegelbild. In nichts unterscheiden sich die beiden jungen Frauen, sie sind gleich schön, gleich gütig, gleich gut. Gemeinsam besiegen sie die Hexenmutter, gemeinsam gelingt ihn die Flucht aus der Unterwelt, gemeinsam bestickten sie ein Tuch mit Gold und Silber. Wo also bleibt das Gegensätzliche, das Spannungsvolle, welches die Zwillingsbeziehung doch sooft kennzeichnet? So gleich sich die Beiden an Aussehen und Verhalten sind, ist die eine Schöne doch diesseitiger, die andere jenseitiger Natur. Vielleicht hat die Schwester mit der Hexentochter ihren himmlischen oder Seelenzwilling aus Unterwelt und Gefangenschaft befreit? Jenen Anteil am Ewigen, Ganzen und Transzendenten, der in jedem Mensch wohnt, den wir Menschen aber entdecken und ans Licht bringen müssen. Es ist ein adventlicher Gedanke, dass uns ein innerer Zwilling entgegen kommt, uns bereichert und neu ausrichtet. So, wie es der jungen Fürstin und ihrer Hexenschwester ergeht, für die sich die Dinge am Ende auch richten und zum Guten wenden.

Eine sinnenfrohe Adventszeit!
Ricarda Lukas