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Das Makassarische Aschenbrödel

Vor alten Zeiten lebten einmal sieben Schwestern. Die wohnten im Lande Banteng auf Süd-Celebes. Als die Eltern gestorben waren, bekam die älteste Schwester die Schlüsselgewalt. Sie hielt Ordnung im Hauswesen und wies täglich ihre Geschwister an, was sie tun sollten. Die Jüngste hatte die niedrigsten Arbeiten zu verrichten und musste jeden Tag das Feuerholz in die Küche schaffen. Eines Tages badete sie im Flusse. Da fing sie einen Djulung-djulung- Fisch. Sie nahm ihn mit und setzte ihn in ein Wasserbecken, das sich vor der Grotte Tja-lindo-lindo befand. Täglich fütterte sie den Fisch. Sie gab ihm die Hälfte ihrer Reismahlzeit. Und wenn sie ihn rief, sang sie:
»Djulung-djulung, komm zu mir,
Schönen Reis, den reich' ich dir,
Wurd' mit Milch gewaschen hier!«
Hörte der Fisch das Liedlein, kam er sogleich nach oben und verzehrte seine Mahlzeit. So erhielt der Fisch jeden Morgen von dem Mädchen sein Futter; er wuchs und gedieh und war bald so lang wie ein Kopfkissen geworden. Aber, o weh! Die Schwestern merkten nur zu bald, dass die Jüngste von Tag zu Tag magerer wurde. Sie konnten sich dies nicht erklären; um die Ursache herauszubekommen, verabredeten sie sich, die Jüngste genau, aber heimlich, in ihrem Tun und Treiben zu beobachten. Und bald hatten sie es heraus, dass sie stets die Hälfte ihres Essens dem Fische gab und selber daher immer dünner wurde. Nun vermag niemand zu sagen, ob sie aus reiner Schwesterliebe dem Einhalt tun wollten, oder ob nicht der prächtige Djulung-djulung- Fisch ihre Begierde wachrief. Kurz und gut. Eines Tages fingen sie den Fisch und aßen ihn heimlich auf. Als am andern Morgen die Jüngste wieder nach der Grotte von Tja-lindo-lindo ging, um ihren Fisch zu füttern, sang sie wieder:
»Djulung - djulung, komm' zu mir,
Schönen Reis, den reich' ich dir,
Wurd' mit Milch gewaschen hier!«
Diesmal kam der Fisch nicht, und das Mädchen wartete vergeblich auf sein Erscheinen. Traurig und verzweifelt kehrte sie heim. Sie hüllte sich in ihren Sarong und schlief Tag und Nacht. Eines Morgens wurde sie durch das Krähen eines Hahnes geweckt. Der erzählte ihr, dass die traurigen Überbleibsel ihres Fisches, die Gräten, in der Küche versteckt wären. Sie stand sofort auf, suchte nach den Gräten, und als sie die gefunden hatte, bestattete sie die Reste neben der Grotte von Tja–lindo-lindo. Dabei sang sie:
»Djulung-djulung wachse hier, wachse hier im Raume,
Werde zum prächtigen Baume;
Mögen deine Blätter dann fallen hin nach Java,
Wird sie sammeln dann ein König, ja der König von Java!«
Alsbald wuchsen die Gräten zu einem Baum zusammen, dessen Stamm Eisen, dessen Blätter Seide, dessen Dornen Nadeln, dessen Blüten Gold und dessen Früchte Diamanten wurden. Als der Baum groß geworden war, fiel auch ein Blatt, ganz so, wie es das Mädchen gewünscht hatte, auf die Insel Java. Wie das schöne Blatt vor den König gebracht wurde, fasste er gleich den Entschluss, das Land, in dem ein so prächtiger Baum wuchs, zu besuchen. Er machte sich also auf nach Celebes, und als er auf der Insel herumstreifte, traf er eines Tages auch auf den Wunderbaum von Tja-lindo-lindo. Gern hätte er da erfahren, wie es um diesen Baum bestellt war; seine Erkundigungen blieben sämtlich ohne Ergebnis. Doch bekam er die Auskunft, dass in der Nähe sieben Schwestern wohnten, die ihm vielleicht etwas von dem Baume erzählen könnten. Er ließ die Mädchen vor sich kommen. Die sechs ältesten Schwestern erschienen; wie der König sie nun aber über den Baum ausfragen wollte, vermochte keine ihm darüber etwas mitzuteilen. Als der König nun so gar nichts erfahren konnte, fragte er zum Schlusse, ob sie vielleicht nicht noch eine Schwester hätten und wo die wäre. Da antworteten die Sechse: »Ja, wir haben noch eine Schwester. Sie ist die Jüngste. Sie ist im Hause, denn sie ist ein rechter Einfaltspinsel, der nur im Hause Bescheid weiß.« Da ließ der König das Mädchen herbeiholen. Und siehe da, welch' ein Wunder! Als es kam, neigte sich der Baum tief vor ihm zur Erde. Und das Mädchen pflückte einige Blätter und Früchte ab und überreichte sie dem König als Geschenk. Der war ob dieses Wunders so erstaunt und über die Aufmerksamkeit so erfreut, dass er die Jüngste fragte, ob sie seine Frau werden wollte. Das Mädchen sagte ja. Es wurde die Gemahlin des Königs von Java. Und beide kehrten dann heim in ihr Reich. Auch die sechs anderen Schwestern durften mit dem Könige und der Königin reisen.

Hambruch, Paul: Malaiische Märchen aus Madagaskar und Insulinde. Jena 1922, S. 141-143.


Alsbald wuchsen die Gräten zu einem Baum zusammen,

einem Baum mit einem Stamm aus Eisen, Blättern aus Seide, Blüten aus Gold und Früchten aus Gold. Paul Hambruch, ein deutscher Ethnologe, hat das Märchen aus einem ebenfalls märchenhaft anmutenden Teil der Welt mitgebracht. Makassar gehört zu Indonesien, der vielfältigen Inselwelt zwischen indischen und pazifischen Ozean, und die Geschichte von der jüngsten, unterschätzen Schwester, die nur für Haus und Herd taugt, dann aber doch einen König, hier den von Java, bekommt, hat in Hambruch sicher die Verbindung zu den Märchen der Grimms und Ludwig Bechsteins, Aschenputtel und Aschenbrödel, anklingen lassen. So ist das Makkassarische Aschenbrödel entstanden. Verwandlung findet in diesem Märchen in einer archaischen Form statt. Aus den sterblichen Überresten des geliebten Djulung - Djulung - Fisches erwächst der oben erwähnte, zauberhafte Baum. In den frühzeitlichen Vorstellung der Menschen von Lebens- und Entwicklungsprozessen hängt Alles mit Allem zusammen, demzufolge kann sich Alles in Alles verwandeln, befindet sich in einem ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen. Was stirbt, kann aus seinen Überresten wiedererstehen. „Selbst der Knochen besitzt Verwandlungs- und Sprachfähigkeit; er ist Vitalträger par excellence und führt zur glücklichen Wiedergeburt der Verstorbenen“ schreibt Kurt Deurung (Märchen und Totemismus), und hier klingen nun die Grimmschen Märchen Von dem Machandelbaum und Der Singende Knochen an. Leicht hätte uns Paul Hambruch also auch ein Märchen vom Makassarischen Zauberbaum oder Zauberknochen hinterlassen können. Gemäß den animistischen Vorstellungen der frühen Bewohner der Insel, den Makassaren und Buginesen, wohnt die Lebenskraft eines Menschen, seine Seele, sowohl in ihm selbst als auch in anderen Wesen, einem Tier, einer Pflanze, sogar einem Ding. Was dem menschlichen Teil der Seele widerfährt, geschieht auch allen anderen Teilen. Die innige Beziehung zwischen dem Djulung- Djulung - Fisch und dem Mädchen kann so auch als Seelenverwandtschaft verstanden werden, die sich in der beeindruckenden Beschaffenheit des wunderbaren Baumes ausdrückt. Dies lockt letztlich auch den König von Java an, er sticht in See, um das Geheimnis des Baumes zu ergründen. Niemand jedoch kann ihm Auskunft geben, erst als er, der unbeirrt weiterfragt, die jüngste Tochter, das Aschenbrödel der Familie, erreicht, kommt ihm der ganze Zauber des Baumes und gewandelten Fisches zu. Aus der Hand der jungen Frau erhält er zarte Seidenblätter und kostbare Früchte, wird eingeschlossen in die liebevolle Verbindung zwischen Baumfisch und Mädchen. Gemeinsam mit ihr, die nun seine Frau ist, reist er heim und da beider Liebe offensichtlich Vieles umfassen kann, durften „die sechs anderen Schwestern mit dem König und der Königin reisen.“

(Ricarda Lukas)