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Die drei Schwestern.

Auf den Fideriser Heubergen stand ein kleines Häuschen, in welchem drei Schwestern wohnten. Eine von ihnen war schneeweiß, schön und gut; die andere eine böse schwarze Hexe; die dritte halb weiß und halb schwarz, halb gut und halb bös. Wenn die Hexe den Leuten im Tal Unheil anrichten wollte, und die Gute es durch Rat und Warnung zu verhindern suchte, dann trat allemal die Mittlere zwischen sie und bewirkte, dass die Hälfte des Unheils zugelassen und die andere Hälfte abgewendet wurde.
Einst machten die Fideriser Burschen und Mädchen eine Bergpartie und wurden in der Nähe des Häuschens der drei Schwestern vom Regen überfallen. Die Gute erbarmte sich der jungen Gesellschaft und lud die Durchnässten in die Stube. Sie wollte ihnen Küchlein backen; aber die Hexe stieß sie aus der Küche und buk der Gesellschaft selber Küchlein, die von außen schön goldgelb wurden, inwendig aber giftig waren. Das verdross die Gute und sie weinte. Die Mittlere kam dazu, buk aus grobem Hausmehl grobe braune Küchlein und sagte zur Guten: »Wir stellen beide, die goldgelben und die braunen, den Gästen vor; die Eigennützigen werden die schönen giftigen essen und sterben; die Bescheidenen hingegen die braunen, und ihnen wird nichts geschehen; so geht es halb und halb wie immer.« Die Hälfte der Gesellschaft, die von den goldgelben aß, starb; die bessere Hälfte kehrte von der Guten reich beschenkt nach Hause.

Sutermeister, Otto: Kinder- und Hausmärchen aus der Schweiz, Aarau: H.R. Sauerländer, 1869, S. 36. http://www.zeno.org/nid/20007895216, http://www.zeno.org/nid/20007895216 Lizenz: Gemeinfrei

 


 

Schwarzweiß

„Die Mittlere bewirkt, dass die Hälfte des Unheils zugelassen und die andere Hälfte abgewendet wurde.“ Das Schweizer Märchen von den drei Schwestern bringt alle Dinge in einer unnachahmlichen knappen und gleichzeitig erstaunlich aussagekräftigen Art und Weise auf dem Punkt. Ein Mädchen ist schneeweiß, schön und gut, das andere Mädchen ein böse, schwarze Hexe. Sie stellen das schon bekannte Gegensatzpaar dar, Schwarz und Weiß, Gut und Böse, Tag und Nacht, die Eine baut auf und die Andere zerstört, so, wie auch das Brüderpaar im nordamerikanischen Märchen Der Gute und der Böse. „Gut und Böse sind Zwillinge, Kinder einer Mutter, und jedes von ihnen hat seinen Platz in der Welt.“ hieß es da und aus der Spannung zwischen diesen beiden Polen entwickelt und entfaltet sich die lebendige Welt. In dem Schweizer Märchen gibt es aber noch eine dritte Schwester, eine, die halb weiß und halb schwarz ist. Sie ist die Brücke zwischen der Welt der Dunklen und der Hellen, die Mittlerin zwischen den beiden gegenläufigen Prinzipen. Diese stehen sowohl in den nordamerikanischen wie auch in zahlreichen europäischen Märchen dual und oft auch unversöhnlich gegenüber, ihre Beziehung mündet häufig in einen Kampf, den Sieg des einen über das andere Prinzip. Selten aber ist es so wie in dem vorliegenden Märchen, und dies macht es auch bemerkenswert, dass beide Prinzipien als Bestandteil von Natur und menschlicher Welt nebeneinander stehen und gleichzeitig durch ein drittes, vermittelndes Prinzip verbunden und ausgeglichen werden. Vielleicht kann die dritte Schwester als die innere Erkenntnis und Annahme der untrennbaren Verbundenheit beider Anteile verstanden werden. Auf jeden Fall nutzt die dritte Schwester ihr schwarzweiße, integrative Fähigkeit gut und scheidet mit ihrer Hilfe klug das Eine vom Anderen. „die Eigennützigen werden die schönen giftigen essen und sterben; die Bescheidenen hingegen die braunen, und ihnen wird nichts geschehen; so geht es halb und halb wie immer.“

(Ricarda Lukas)