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Die drei Ringe

Es war einmal ein König, der warb bei einem anderen König für seinen Sohn um dessen Tochter und schickt ihm einen Brief und einen kostbaren Ring als Brautgeschenk. Als der fremde König den Brief gelesen hatte, sagte er zu dem Gesandten: „Freund, ich kann dir erst Antwort geben, wenn ich mit meiner Tochter gesprochen habe.“ Darauf ging er zu seiner Tochter und sagte ihr, dass ein König für seinen Sohn um sie freie und dass er ihr als Brautgeschenk einen Ring schicke. „Was soll ich ihm antworten?“ fragte er. „Nur wenn er mir den Sternenring, den Mondenring und den Sonnenring bringt, werde ich seine Gemahlin“ antwortete die Königstochter. Der König erzählte dass dem Gesandten und fügte hinzu:„Grüße deinen König und sage ihm Dank für die Anfrage, bitte ihn auch, mir nicht zu zürnen über die Antwort meiner Tochter, ich vermag ja nichts über sie.“ Der Gesandt kehrte zurück und berichtete seinem König alles. Der König war über diese Antwort erstaunt und, fing an, nachzudenken, wie er die drei Ringe beschaffen könne und lies zuletzt in aller Welt verkünden, wer ihm einen Sternenring, einen Mondenring und einen Sonnenring beschaffen könne, dem würde er die Hälfte seines Königreiches geben. Aber es war vergeblich. Zuletzt verfiel der Königssohn in großen Kummer und wollte schon vor Gram aus dem Leben scheiden, als er eines Tages in ein großes Gebirge geriet und dort einer alten Frau begegnete. Er grüßte sie mit „Gott helfe!“ Sie erwiderte: „Gott helfe auch dir, du unglücklicher, doch glücklicher, ja überglücklicher Sohn.“ Der Königssohn verwunderte sich und fragte, was das bedeuten solle. „Du bist ja fast zugrunde gegangen, aber in mir hast du einen Arzt gefunden, der dich, so Gott will, von deinem Leid befreien wird.“ Nun wollte der Königssohn ihr alles erzählen, sie aber rief: „Genug, genug, ich weiß, was mit dir ist! Nimm dieses Kraut von meinem Busen und stecke es in deinen Busen, ganz nahe bei deinem Herzen. Dann löse mein Haar und lasse die eine Hälfte nach vorn, die andere über meinen Rücken fallen und bleibe bis zum Abend bei mir. Der Königssohn gehorchte ihr, nahm das Kraut aus ihrem Busen und steckte es in seinen, dann löste er ihr die Haarflechten, wovon das ganze Tal bedeckt wurde. Als es Abend geworden war, sprach die Alte: „Wenn du den ersten Stern erblickst, dann nimm das Kraut aus deinem Busen und sprich: „Gib mir, o Gott, den Sternenring.“ Das tat er und alsbald erglänzte vor ihm ein Ring und in dem Ring war ein Stern. Dann sagte die Alte: „Nun müssen wir warten, bis der Mond aufgeht sobald du ihn siehst, nimm das Kraut aus deinem Busen und sprich die Worte: „Gib mir, o Gott, den Mondring.“ Als der Mond aufging, sprach er die Worte und vor ihm erglänzte ein Ring und in dem Ring war ein Mond. Als der Tag heraufzog, die Sonne aber noch nicht zusehen war, sprach die Alte:“Wenn die Sonne erscheint, schau durch mein Haar und sprich dreimal: „O Gott, verwandle dieses Haar in den Sonnenring.“ So saßen die beiden und warteten auf den Sonnenaufgang. Als dann der erste Sonnenstrahl am Himmel erschien, tat der Königssohn, was die Alte ihm geraten hatte und alsbald strahlte ein Ring vor ihm im Gras und in dem Ring war eine Sonne. Als der Königssohn so nun die drei Ringe erlangt hatte, fragte er: „Womit kann ich dir, Mütterchen, dafür danken?“ „Mit nichts anderem, als dass du, solange du lebst, für meine Seele betest, denn ich werde in wenigen Tagen sterben. Rede aber mit niemand darüber.“ Da bedankte sich der Königssohn, küsste ihre Hand und nahm Abschied. Dann freite er mit den drei Ringen erneut um die Königstochter und nun wurde sie seine Braut. Sie feierten Hochzeit und sie lebten glücklich miteinander. Der Sternenring, der Mondring und der Sonnenring blieben bei ihnen.

Balkanmärchen aus Albanien, Bulgarien, Serbien und Kroatien, August Leskien, Diederichs – Verlag 1925, S.183-185


„Nur wenn er mir den Sternenring, den Mondenring und den Sonnenring bringt, werde ich seine Gemahlin“

Eine Märchenprinzessin zu erobern, für sich zu gewinnen, ist, nicht nur, aber insbesondere im Märchen, oft mit großen Schwierigkeiten und Gefahren verbunden. Mit dem Drachen zu kämpfen, schwierige Rätsel zu lösen, eine schwer zu erringende Kostbarkeit heimzubringen, kann den Kopf kosten, zumindest aber das Herz brechen. So ist es auch in dem serbischen Märchen vom Sternenring, Mondenring und Sonnenring, welches in der Sammlung des Indogermanisten August Leskien zu finden ist. Ein Ring, mag er auch kostbar sein, genügt nicht, um die Königstochter zur Braut und Partnerin zu bekommen. Sie möchte jemand zum Mann, der ihr 3 Ringe geben kann, möglich, dass sie einen Partner an ihrer Seite wünscht, der nicht eingleisig ist, über vielfältigere und differenziertere Fähigkeiten verfügt. Dies fehlt dem Königssohn ganz offensichtlich noch, sehr schlicht, kindlich verlässt er sich in allem auf seinen Vater, der für ihn um die Hand der Königstochter anhält, die Botschaften austauscht, die Ringe zu beschaffen versucht. Der Königssohn selber macht nichts, außer zu trauern und vor Gram fast zu vergehen. Erst als der Zufall ihn in ein Gebirge verschlägt, beginnt sein eigener Weg, bekommt er eine Stimme und die Möglichkeit, Herausforderungen anzunehmen und zu bewältigen. Die alte Weise, oft im Märchen lehrend, wissend, aufzeigend und begleitend, bringt ihm Sterne, Sonne, Mond und den Umgang mit ihnen nah. Mit ihr wartet der Königssohn, ihren Worten lauscht und folgt er und er erlebt die magische Kraft ihrer Haare, die die ganze sichtbare Welt ausfüllen können. Anders als in dem indischen Märchen Wie die Sonne, der Mond und der Wind zu einem Mittagessen gingen geht es in diesem Märchen nicht um ferne, kosmische Kräfte, sondern um die Teilhabe des Menschen an ihrer Macht und Wirkung. Der Königssohn erwirbt den Sternenring, und damit Fantasie, Hoffnung, Orientierung, im Funkeln der zahlreichen Sternenstrahlen auch Vielfältigkeit. Er bittet um den Mondring und erhält ihn, er erwirbt Einfühlsamkeit, Tiefe, Anpassungsfähigkeit. Und erlebt, wie sich das prachtvolle Haar der Alten in den Sonnenring verwandelt, die Macht, Klugheit und Klarheit der Alten auf ihn übergehen. Sterne, Mond und Sonne, ihre Kraft und Macht sind nun Teil von ihm, dem Königssohn. „Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen, Die Sonne stand zum Gruße der Planeten,Bist alsobald und fort und fort gediehen, Nach dem Gesetz, wonach du angetreten.“ schreibt Johann Wolfgang von Goethe in seinen orphischen Urworten von 1817. Nun kann der Königssohn auch heiraten, folgerichtig wird seine Werbung, die er dieses Mal selber vorträgt, auch gern und entgegenkommend angekommen. „Sie feierten Hochzeit und sie lebten glücklich miteinander. Der Sternenring, der Mondring und der Sonnenring blieben bei ihnen.

Dr. Ricarda Lukas