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"Mitten in einem Walde wohnte eine alte schlimme Hexe ...“

dort, wo man sie auch erwartet, fernab der menschlichen Wohnstätten, im Wald. Es ist nicht unser heutiger Erholungs- und Kulturwald, in dem die Hexe aus dem 1845 erstmals von Ludwig Bechstein herausgegebenen Märchen lebt. Es ist der Wald früherer Jahrhunderte, weiträumig, dicht bewachsen, wenig erschlossen, steht er den freigeräumten Flächen menschlicher Siedlungen gegenüber, ist beschwerliches Hindernis auf den notwendigen Wanderungen und Unterschlupf für Bedrohliches, wilde Tiere, unheimliche Mächte. Gleichzeitig aber birgt er lebenswichtige Dinge, ist er Weg hinaus in die Welt, von Zeit zu Zeit muss der Mensch sich also hinein wagen. So, wie es die beiden Königskinder tun, von denen nicht erzählt wird, warum sie in den Wald kamen, wohl aber, dass sie sich nicht in ihm zurecht fanden. Die Alte dagegen, der sie begegnen, kennt sich im Wald genauso aus wie auf den Wegen in ihn hinein und aus ihm heraus. Das deutsche Wort für die zauberkundige Uralte, Hexe, leitet sich von dem althochdeutschen hagazussa ab, die auf dem Zaun reitet, eine Grenzgängerin also, die dort lebt, wo der eine Bereich an den anderen grenzt, menschliche Welt und ursprüngliche Natur. Die Hexe, die Hagazussa, ist damit eine, die die zwei Welten sowohl miteinander verbindet als auch voreinander schützt, eine integrative Funktion hat. Im Bechsteinschen Märchen wird sie jedoch wieder nur von ihrer bösartigen, vernichtenden Seite her gezeigt „knorrig, stachlich und hässlich; wer die Alte sah, ging ihr aus dem Wege.“ Vielleicht aber lässt sich ihre andere, verbindende, zugewandte Seite in ihrer Tochter sehen, die „ein gutes, mildes Kind“ ist. Diese bringt die Königskinder sicher zurück und lebt dann, Teil der erst bedrohlichen, nun bezwungenen Natur, bei ihnen - „Käthchen aber blieb bei den Königskindern, und schlief in einem seidnen Bettchen und trug goldne Kleidchen und wurde selbst gehalten, wie ein Königskind.“

Ricarda Lukas


Wussten Sie, dass Märchen so spannend sein können? Sie erzählen davon, wie Menschen die ihnen vertraute Welt verlassen (müssen), wie sie dabei in Gefahren geraten oder in die Anderswelt, Proben bestehen und Aufgaben lösen müssen - genau wie im Leben. Wie in einem Spiegel zeigen uns die Märchen, was uns bewegt - und manchmal zeigen sie uns mehr als das, zeigen neue Möglichkeiten und Erfahrungen.

In der Europäischen Märchengesellschaft haben sich Wissenschaftler/innen und Erzähler/innen, vor allem aber Märchenliebhaber/innen zusammengefunden, die die Freude an den Märchen miteinander teilen, die Freude an ihrer bleibenden Schönheit, Weisheit und Wahrheit. Aber wir wollen diesen märchenhaften Schatz auch an andere weitergeben. Denn mit und in den Märchen, diesen Spiegelbildern der menschlichen Seele, können wir uns wieder finden. Und weil Märchen ein gemeinsames Kulturerbe aller Völker der Erde sind, können wir mit Märchen auch zusammenfinden, über alle Grenzen hinweg.

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Neue Veröffentlichungen

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Der Jubiläumsband unserer Märchenschätze ist da!

Das Gesicht der Völker

EMG Märchenschätze, Jubiläumsband

Im Zusammenleben von Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen können Märchen zum Nachdenken darüber anregen und Gemeinsamkeiten deutlich und erlebbar machen.
Für die Europäische Märchengesellschaft ist Völkerverständigung einer der wichtigsten Aspekte. Zu ihrem 60-jährigen Jubiläum legt sie nun diese Sammlung vor mit selten gehörten europäischen Märchen aus den ersten zwei Jahrzehnten der Gesellschaft.

EMG Band 40

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Der neueste Band unserer Schriftenreihe ist da!

Sehnsucht im Märchen.
Forschungsbeiträge aus der Welt der Märchen

EMG Schriftenreihe, Band 40

Im September 2014 fand in Rheine zum Thema "Sehnsucht im Märchen" der jährliche Kongress der Europäischen Märchengesellschaft statt.
Sehnsucht - ob im realen Leben oder in der Welt der Märchen - ist eine starke Triebfeder menschlichen Handelns und gibt daher oft den entscheidenden impuls für die gewaltigen Anstrengungen, die zur Bewältigung des Lebensweges notwendig sind. Darüber hinaus wohnen diesem schwer zu fassenden Begriff, der schon im Wort selbst den Bogen vom Sehnen zur Sucht schlägt, vielfältige Aspekte inne, denen die Referenten in ihren spannungsreichen Vorträgen nachgegangen sind. Diese Kongressbeiträge liegen nun in schriftlicher Form vor.
Welche Sehnsüchte müssen für ein glückliches Leben erfüllt sein? Wann schlägt Sehnsucht in Selbstsucht um? Was treibt uns mehr um: die Sehsucht nach der Heimat oder nach der Fremde oder sogar die Sehnsucht nach anderen, phantastischen Welten? Das sind nur einige der Fragen, die in den Aufsätzen ergründet werden. Dabei umfassen die Betrachtungen unterschiedliche Epochen und gewähren kenntnisreiche Einblicke in fremde Kulturen und benachbarte Disziplinen wie Literatur und Musik.
Herausgegeben im Auftrag der Europäischen Märchengesellschaft von Harlinda Lox, Christel und Thomas Bücksteeg.

Zu weiteren Informationen nutzen Sie bitte die obere Informationsleiste. Sie können aber auch postalisch mit uns in Kontakt treten:

Europäische Märchengesellschaft
Nordflügel Kloster/Schloß Bentlage
Bentlager Weg 130
48432 Rheine

Tel: 05971 918-420
Fax 05971 918-429
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