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Mein gutes Kind, da kann ich dir guten Rat geben...

Diese süddeutsche Variante des Märchens von der Schönen, hier eine armes Mädchen, eine Magd, gütig, geduldig und klug, und dem Tier, in diesem Fall ein Esel und verzauberter Graf, wurde von den Brüdern Ignaz und Joseph Zingerle gefunden. 1954 veröffentlichten sie es in ihren Kinder- und Hausmärchen aus Süddeutschland. Die Brüder Zingerle, Professor für Theologie der Eine und für deutsche Sprache und Literatur der Andere, waren ihrer Tiroler Heimat offensichtlich zu tiefst verbunden. Beharrlich wie die junge Heldin ihres Märchens beschäftigten sie sich mit Literatur und Brauchtum Tirols, sammelten Sagen, Märchen, Mythen, Sprichwörter und, um das Eigene aus dem Fremden, das Tirolerische aus dem größeren Deutschen zu lösen, immer aber in Hinblick auf und im Vergleich zur deutschen Literatur und Sprache. Eine junge Frau, Heldin dieses Märchens, lebt ein stilles und gleichmäßiges Leben, in gewohnten Bahnen, bis zu dem Tag, an dem etwas Schweres in ihr Leben tritt, etwas, was sie zunächst nicht verstehen und deuten kann, dem sie aber auf den Grund geht. Um Hilfe bittet sie zuerst die mütterliche Person in ihrem Leben, die Gräfin. Da diese aber in der vorliegenden Variante des Märchens negativ - destruktiv agiert, im Sinne einer hexischen, stiefmütterlichen Figur, erhält sie zunächst einen falschen, dann gar keinen Rat mehr. Ihr Gegenüber, der verwunschene, erlösungsbedürftige Grafensohn, an eben diese hexenhafte Mutter offensichtlich unlösbar gebunden, stürzt erneut ins Unglück. Damit könnte es für die junge Frau gut sein, sie könnte in ihr stilles Leben zurückkehren, den eigentlich hat sie nun mit der Sache nichts mehr zu tun. Aber ihre wichtigste Eigenschaft, die Beharrlichkeit, ein typisches Attribut des Helden, lässt sie weiter machen. Ausgleichend zum zerstörerischen Mütterlichen sucht sie nun Rat beim hilfreichen, gütigen Väterlichen, einem alten Weisen, in diesem Märchen durch die drei Einsiedler verkörpert. Der alte Weise, Lehrer, Meister, Seelenführer auf dem Weg zu Selbsterkenntnis, Selbstverwirklichung und rechten Leben, weiß auch hier Rat und schickt die junge Frau auf den richtigen Pfad. Und so kann sie den unabsichtlich und durch schlechten Rat entstandenen Schaden wieder gut machen und darüber hinaus den Liebsten von seinem Fluch erlösen. Erlösung bedeutet ursprünglich befreit, wiedergebracht werden. Erlösung kann ein Kommen zu sich Selbst, zu dem, was man eigentlich sein und leben sollte, sein, sich von Dämonen dieser und jener Art, die Menschen und Märchenfiguren besetzt halten, aus eigener Kraft und Besinnung befreien. Steckt man aber in einer Tierhaut, so ist von einem mächtigen Fluch, von wilden und archaischen Dämonen auszugehen. Erlösung aus eigener Kraft ist nicht mehr möglich, es bedarf eines gegenteiligen, eines kultivierten und gütigen Prinzips zur Erlösung, der Schönen. Diese muss gut ausgewählt, aufmerksam gemacht und gewonnen werden, was nicht einfach ist für Einen in einer Tierhaut. Und so ist die tiefe Dankbarkeit des erlösten jungen Mannes im Märchen Der Esel nachvollziehbar. Er, den sie einst durch den Karfunkel gesehen hatte, trat an der Spitze der übrigen Erlösten zur Dirne, verneigte sich vor ihr und dankte für die Rettung in seinem und der anderen Namen. Und ebenso nachvollziehbar ist die nachfolgende Hochzeit, denn nachdem er ihr erzählt hat, wie er durch seine böse Mutter, die Gräfin, in einen Esel verwandelt worden sei, …. fragte er sie, ob sie nicht seine Frau werden wollte. Das Mädchen nahm den Antrag gerne an, und nachdem sie aus dem Walde zurückgekehrt waren, wurde die Hochzeit mit aller Pracht gefeiert. Die alte Haut, das längst nicht mehr passende Fell ist ist offensichtlich ab, etwas Neues ist entstanden und wird Frucht bringen, der inneren Vereinigung der Beiden folgt die äußere Bindung. Für mich ist dies ein frühlingshaftes Bild und so wünsche ich es auch Ihnen - frisch treibendes grün und aufknospende Blüten an möglichst vielen Zweigen.

(Ricarda Lukas)


Wussten Sie, dass Märchen so spannend sein können? Sie erzählen davon, wie Menschen die ihnen vertraute Welt verlassen (müssen), wie sie dabei in Gefahren geraten oder in die Anderswelt, Proben bestehen und Aufgaben lösen müssen - genau wie im Leben. Wie in einem Spiegel zeigen uns die Märchen, was uns bewegt - und manchmal zeigen sie uns mehr als das, zeigen neue Möglichkeiten und Erfahrungen.

In der Europäischen Märchengesellschaft haben sich Wissenschaftler/innen und Erzähler/innen, vor allem aber Märchenliebhaber/innen zusammengefunden, die die Freude an den Märchen miteinander teilen, die Freude an ihrer bleibenden Schönheit, Weisheit und Wahrheit. Aber wir wollen diesen märchenhaften Schatz auch an andere weitergeben. Denn mit und in den Märchen, diesen Spiegelbildern der menschlichen Seele, können wir uns wieder finden. Und weil Märchen ein gemeinsames Kulturerbe aller Völker der Erde sind, können wir mit Märchen auch zusammenfinden, über alle Grenzen hinweg.

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Neue Veröffentlichungen

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Der neueste Band unser Märchenschätze ist da!

"Aller Anfang ist Sehnsucht" Märchen von der Sehnsucht

EMG Märchenschätze, Band 9

Wie oft ist die Sehnsucht Impulsgeber menschlichen Handels? Märchen aus aller Welt erzählen auf fesselnde Weise von diesem Verlangen, das uns Menschen zu ungeheuren Anstrengungen beflügelt.
Manchmal sind es Kleinigkeiten, die das Feuer in uns entfachen: der klang einer Stimme oder der Anblick eines Menschen; manchmal sind es aber auch existenbtielle Bedürfnisse, wie der Wunsch nach Gemeinschaft, nach Liebe oder nach einem besseren Leben. Solche Geschichten gehen buchstäblich unter die Haut.

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Der neueste Band unserer Schriftenreihe ist da!

Vom Geben und Vergeben im Alter. Kinder brauchen Märchen!

EMG Schriftenreihe, Band 39

Neue Forschungsbeiträge aus der Welt der Märchen, die bei dem Kongress in Bad Brückenau im Mai 2013 und der Fachtagung im Herbst 2013 in Mülheim referiert wurden, liegen uns in diesem Sammelband vor.
Ständig stellt das Leben an uns Menschen Aufgaben und fordert uns heraus. Bei der Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen, hin zur Lebensmitte und weiter zum reigen Alter verändern sich Beziehungen, Besitzstände und die Sicht auf Werte, inbegriffen der Fokus auf das, was gerade am wichtigsten erscheint.
An den Übergängen, besonders zur letzten Lebensphase hin, tauchen Fragen auf: Wem will ich etwas von mir geben, wann und wie? In den Märchen versprechen die Könige dem Helden Königstochter und gar noch das halbe Reich. Wie aber geht es dann weiter mit den alten Königen? Es lohnt sich zu hören, was uns die Märchen zum Thema "Geben im Alter" erzählen, auch wie vormals mit Alter und den Alten umgegangen wurde.
Gleichzeitig interessiert, was die alten Mären heutigen Kindern zu geben vermögen. Was können Märchen in der erziehung der nachwachsenden Deneration leisten, wie nachhaltig ist ihr Einsatz? Und können Märchen helfen, zu Religiosität zu finden?
Herausgegeben im Auftrag der Europäischen Märchengesellschaft von Harlinda Lox, Ricarda Lukas und Sabine Lutkat.

Zu weiteren Informationen nutzen Sie bitte die obere Informationsleiste. Sie können aber auch postalisch mit uns in Kontakt treten:

Europäische Märchengesellschaft
Nordflügel Kloster/Schloß Bentlage
Bentlager Weg 130
48432 Rheine

Tel: 05971 918-420
Fax 05971 918-429
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