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"Du liebes Würmchen, du möchtest wohl gern ein weiches Lager haben?"

Das Würmchen, welches sehr wohl ein weiches Lager haben möchte und es auch bekommt, ist das erlösungsbedürftige Geschöpf in dem norddeutschen Märchen Die Seidenspinnerin. Es ist ein Tier, aber keinesfalls ein Biest, ein Wurm, nicht einmal ein Lindwurm, dieser wäre respektabel, furchterregend, groß, eine drachenähnliche Gestalt, welche der Dualität von Liebreiz und Biestigkeit, Herzensgüte und tierischer Wüten entspricht. „Ja, wenn du mir nicht eine Frau verschaffst, sei sie jung oder alt, groß oder klein, reich oder arm, dann mache ich dich und das ganze Schloss kaputt." droht dann auch der Lindwurm, dass zu erlösende Biest, in dem dänischen Märchen König Lindwurm.

In dem Märchen Die Seidenspinnerin aber ist es lediglich ein Wurm, ein hilfloses, armseliges, unter Umständen auch Ekel hervorrufendes Geschöpf, eine Tier, welches Ohnmacht und Erniedrigung, aber auch Wandlung verkörpert, wie uns das Symbollexikon wissen lässt. Diesem Wesen, vom Vater und den beiden Schwestern, den psychosozial weniger begabten Handlungsträgern des Märchens, mit Abscheu und Verachtung vom Rock geschüttelt, begegnet die Heldin freundlich, bereitet ihm ein weiches Lager, dient ihm dann sogar über 3 Jahre. Der Dienst an sich erscheint sehr leicht, die junge Frau muss den Wurm lediglich „nur alle Tage ein Paar Stunden herumtragen“, die Bezahlung für diesen geringen Dienst, nach Ablauf der Dienstzeit Königin zu werden, außerordentlich hoch und leicht errungen. Der eigentliche Wert des Dienstes, einer künftigen Königin würdig, liegt in dem herab und hinunter beugen, in der Fähigkeit, von der eigenen Höhe und Vollkommenheit das Unscheinbare und Unvollkommene freundlich anzunehmen und zu schützen. Psychologisch gesehen nimmt hier die schöne, bewunderte Seite eines Wesens die ohnmächtige, verachtete Seite desselben Wesens liebevoll auf den Arm. Dies ist kann schwerer sein als der Kampf mit einem Lindwurm oder Drachen und sicher steht der (männliche) Helden vielfach lieber einen handfesten Lindenwurm mit 9 Köpfen gegenüber als sich mit einem hilflos im Staub kriechenden Wurm auseinander zu setzten. Und so ist es wohl, wie in dem vorliegenden Märchen, eher ein weibliches Tun, die Tat einer Heldin. In diesem Tun wird aus Verachtung („übersehen, geringschätzen, miszachtendes handeln“ nach dem Wörterbuch der Grimms) Achtung, ein Wort, welches sich in seiner Bildung und Entwicklung auf „schätzen, aufpassen, nachdenken, überlegen“ zurückführen lässt. Genau dies geschieht in diesem Märchen und leitet den Wandlungs- und Veränderungsprozess, für den der Wurm, der Altes zersetzt, Erde fruchtbar macht und so neues Wachstum ermöglicht, symbolisch auch steht. Frucht trägt auch die Beziehung zwischen Wurm und Seidenspinnerin und so wird am Ende, wie könnte es anders sein, nun als Königin und König, geheiratet.

(Ricarda Lukas)


Wussten Sie, dass Märchen so spannend sein können? Sie erzählen davon, wie Menschen die ihnen vertraute Welt verlassen (müssen), wie sie dabei in Gefahren geraten oder in die Anderswelt, Proben bestehen und Aufgaben lösen müssen - genau wie im Leben. Wie in einem Spiegel zeigen uns die Märchen, was uns bewegt - und manchmal zeigen sie uns mehr als das, zeigen neue Möglichkeiten und Erfahrungen.

In der Europäischen Märchengesellschaft haben sich Wissenschaftler/innen und Erzähler/innen, vor allem aber Märchenliebhaber/innen zusammengefunden, die die Freude an den Märchen miteinander teilen, die Freude an ihrer bleibenden Schönheit, Weisheit und Wahrheit. Aber wir wollen diesen märchenhaften Schatz auch an andere weitergeben. Denn mit und in den Märchen, diesen Spiegelbildern der menschlichen Seele, können wir uns wieder finden. Und weil Märchen ein gemeinsames Kulturerbe aller Völker der Erde sind, können wir mit Märchen auch zusammenfinden, über alle Grenzen hinweg.

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Märchen ohne das Böse? Undenkbar. Jeder Mensch, ob klein oder groß, liebt es, spannenden Geschichten zu lauschen. Das war früher so und es ist bis heute so - weil zu jedem Leben auch böse Erfahrungen gehören. Wenn die Märchenhelden und -heldinnen mit Bösem konfrontiert werden, sind sie unsere Stellvertreter und wir finden mit Ihnen einen Ausweg. Ist die Art wie Märchen vom Bösen erzählen zu grausam? Wie deuten und ordnen Märchen das Böse ein? Ergänzend zu dieser Sammlung von Märchen aus aller Welt zeigen uns einige Märchenkenner interessante Aspekte zu diesem Thema auf.

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Neue Forschungsbeiträge aus der Welt der Märchen, die bei dem Kongress in Bad Brückenau im Mai 2013 und der Fachtagung im Herbst 2013 in Mülheim referiert wurden, liegen uns in diesem Sammelband vor.
Ständig stellt das Leben an uns Menschen Aufgaben und fordert uns heraus. Bei der Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen, hin zur Lebensmitte und weiter zum reigen Alter verändern sich Beziehungen, Besitzstände und die Sicht auf Werte, inbegriffen der Fokus auf das, was gerade am wichtigsten erscheint.
An den Übergängen, besonders zur letzten Lebensphase hin, tauchen Fragen auf: Wem will ich etwas von mir geben, wann und wie? In den Märchen versprechen die Könige dem Helden Königstochter und gar noch das halbe Reich. Wie aber geht es dann weiter mit den alten Königen? Es lohnt sich zu hören, was uns die Märchen zum Thema "Geben im Alter" erzählen, auch wie vormals mit Alter und den Alten umgegangen wurde.
Gleichzeitig interessiert, was die alten Mären heutigen Kindern zu geben vermögen. Was können Märchen in der erziehung der nachwachsenden Deneration leisten, wie nachhaltig ist ihr Einsatz? Und können Märchen helfen, zu Religiosität zu finden?
Herausgegeben im Auftrag der Europäischen Märchengesellschaft von Harlinda Lox, Ricarda Lukas und Sabine Lutkat.

Zu weiteren Informationen nutzen Sie bitte die obere Informationsleiste. Sie können aber auch postalisch mit uns in Kontakt treten:

Europäische Märchengesellschaft
Nordflügel Kloster/Schloß Bentlage
Bentlager Weg 130
48432 Rheine

Tel: 05971 918-420
Fax 05971 918-429
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