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Der Früchtebaum des Lebens

„Willst du schon geh´n? Der Tag ist ja noch fern. Es war die Nachtigall und nicht die Lerche,die eben jetzt dein banges Ohr durchdrang; Sie singt des Nachts auf dem Granatbaum dort. Glaub, Lieber, mir, es war die Nachtigall“ - so heisst es in Shakespeares Romeo und Julia. Punica granatum, so der Name des strauchartigen Früchtebaum des Lebens, begegnet dem Menschen zuerst ca. 3000 Jahre vor Christus im Zweistromland. Etwas über 1000 später wanderte er nach Ägypten und Griechenland aus, die Punier brachten ihn nach Spanien, daher Punica granatum. Als Obst für den Alltag erlebt der Granatapfel gerade eine Renaissance, dies auch wegen seiner vielfältigen segensreichen Wirkungen für Gesundheit und Schönheit. Saft und Früchtchen haben eine ausgeprägte antioxidative Wirkung, stärker als grüner Tee, Rotwein und Blaubeeren, und sind damit entzündungshemmend und stressmildernd, schützen vor Krebs-, Herz – Kreislauf- und Zuckerstoffwechselerkrankungen, erhalten die Haut glatt, zart und jugendlich. Als Quelle künstlerischer und mythologischer Inspiration zieht der Granatapfel aber bereits durch viele Jahrhunderte Menschheitsgeschichte eine beeindruckende Spur. Goethe, Schiller, Rilke, Heine, Oskar Wilde haben ihn wortgewaltig bedacht, Botticelli, Grünwald, Dali und Dürer hat die Fruchtbarkeit und Sinnlichkeit symbolisierende Frucht zu bildnerischen Darstellungen angeregt, ebenso wie frühe unbekannte Meister, die den Granatapfel auf Elfenbeinplättchen, Alabastervasen und den berühmten Säulen des salomonischen Tempel abbildeten. Oder eben auf dem Meißner Zwiebelmuster, den das Porzellan zeigt nicht Zwiebeln sondern Granatäpfel und Pfirsiche. „Gleich dem Riss in einem Granatapfel schimmert deine Schläfe hinter einem Schleier hervor“ heisst es im Hohelied. Öffnet man die kuglige rotgelbe Frucht mit dem kleinen Krönchen, so erblickt man in diversen kleinen Kammern eine Vielfalt tizianrot schimmernden Früchtchen, jedes wie ein kleiner Edelstein, 613 sollten es sein, so viele wie Gesetze im Alten Testament, ein durchaus sinnlicher und erfrischender Anblick, der Fantasien von Fruchtbarkeit, Schönheit nicht nur beim Künstler auslöst. Der Granatapfel ist aber ebenso mit der Geschichte der Persephone verbunden, welche, vom griechischen Totengott Hades geraubt, durch den Genuss von Granatapfelkernen an das unterirdische Reich und seinen finsteren Herrscher gebunden wurde. Die griechische Eris warf einen Granatapfel unter die Göttinnen des Olymp, welcher dann, von Paris der schönen Aphrodite überreicht, den trojanischen Krieg auslöste. Auch der Apfelbaum des Paradies soll ein Granatapfelbaum gewesen sein. Ob dies stimmt oder nicht, in der Symbolik dieser Frucht ist klug das Wissen um die Nähe von Liebe und Tod verknüpft. Folgerichtig sind die Granatäpfel auch in den Märchen Zauberfrüchte. In Das Geschenk des Drachens birgt der Granatapfel Schätze und beendet die Not des liebenden Paares. Im griechischen Märchen Der Lehrer und sein Schüler bietet er dem mutigen Königssohn Schutz vor den Nachstellungen eines Dämons und ebenso geschieht es in dem italienischen Märchen Der Zauberlehrling. In einem anderen italienischen Märchen aber, Die Granatäpfel, findet der schwermütige Prinz seine Braut in einem Granatapfel, den er sich vom Baum pflückt, und mit ihr seine Lebensfreude – eine helfende, heilende schützende Frucht ist er, dieser Granatapfel, im Märchen wie im Leben. (Ricarda Lukas)


Wussten Sie, dass Märchen so spannend sein können? Sie erzählen davon, wie Menschen die ihnen vertraute Welt verlassen (müssen), wie sie dabei in Gefahren geraten oder in die Anderswelt, Proben bestehen und Aufgaben lösen müssen - genau wie im Leben. Wie in einem Spiegel zeigen uns die Märchen, was uns bewegt - und manchmal zeigen sie uns mehr als das, zeigen neue Möglichkeiten und Erfahrungen.

In der Europäischen Märchengesellschaft haben sich Wissenschaftler/innen und Erzähler/innen, vor allem aber Märchenliebhaber/innen zusammengefunden, die die Freude an den Märchen miteinander teilen, die Freude an ihrer bleibenden Schönheit, Weisheit und Wahrheit. Aber wir wollen diesen märchenhaften Schatz auch an andere weitergeben. Denn mit und in den Märchen, diesen Spiegelbildern der menschlichen Seele, können wir uns wieder finden. Und weil Märchen ein gemeinsames Kulturerbe aller Völker der Erde sind, können wir mit Märchen auch zusammenfinden, über alle Grenzen hinweg.

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Neue Veröffentlichung

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Der neueste Band unserer Schriftenreihe ist da!

BergWelt in Märchen, Sagen und Geschichten

EMG Schriftenreihe, Band 38

Im vorliegenden Sammelband finden sich die Vorträge des Kongresses der Europäischen Märchengesellschaft e.V von 2012. Dieser Kongress wurde unter der Leitung der Schweizerischen Märchengesellschaft in Valbella/Lenzerheide in der Schweiz durchgeführt. Passend zum Tagungsort stand er unter dem Motto "BergWelt in Märchen, Sagen und Geschichten", so auch der Titel dieses Bandes. Die Schweizer Prägung der Veranstaltung spiegelt sich - dem roten Faden der Ausrichterin Caroline Capiaghi folgend - in den Referaten wider, angefangen von der literarischen Verarbeitung über biblische Geschichten, Märchen und Sagen, wobei letztere ein großes Gewicht haben, bis hin zu aktuellen umweltpolitischen Überlegungen. Die Bedeutung der Berge und der Bergwelten für den Menschen sowie deren Darstellung in den tradierten Märchen und Sagen wird dabei durch unterschiedliche Sichtweisen beleuchtet. Herausgegeben im Auftrag der Europäischen Märchengesellschaft von Harlinda Lox, Caroline Capiaghi und Sabine Lutkat.

Zu weiteren Informationen nutzen Sie bitte die obere Informationsleiste. Sie können aber auch postalisch mit uns in Kontakt treten:

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Bentlager Weg 130
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Tel: 05971 918-420
Fax 05971 918-429
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