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Doch womit sie das Schlangenkind auch fütterten, …

Vielfach und verschieden sind die Wandlungen oder Verwandlungen, von denen das Märchen uns erzählt. Zuerst erfahren wir die Geschichte von Odzamanuk, dem Schlangenjüngling. Er trägt diesen Namen, da er, wie oft im Märchen, durch einen unbedachten Wunsch seiner Eltern im Körper einer Schlange zur Welt gekommen ist. Seine Eltern haben ihre Not mit ihm, den er möchte nur Menschenfleisch essen und so wird ihm jeden Tag ein junges Mädchen geopfert - auch dies Ausdruck von der Maßlosigkeit? Seine Erlösung und damit auch Verwandlung erfährt der Schlangenjüngling durch eine junge Frau, die ihn mit Mut, Klugheit und Vertrauen auf ihre eigenen Träume aus seiner schrecklichen Gestalt herauszulösen vermag. Dieses Mädchen heiratet er dann auch folgerichtig und „lange hätten sie glücklich zusammen gelebt, da brach ein Krieg aus, und Odzamanuk rüstete sich, sein Land zu verteidigen.“ Bis dahin sind dies alles vertraute Märchenmotive, dies trifft auch auf die nun folgende Vertauschung der jungen Königin gegen ihre Stiefschwester zu. Nun aber nimmt das Märchen plötzlich eine unerwartete und unvertraute Wendung. Die Intrige von Stiefmutter und Stiefschwester hat Erfolg, der jungen Frau gelingt die Rückkehr zu ihrem geliebten Mann Odzamanuk nicht. Zuerst Tochter eines armen Bauern, dann Königin, ist sie nun ein Mensch in Not und wird letztlich von den Wellen des Meeres an eine einsame Insel getragen. Dort trifft sie auf einen anderen erlösungsbedürftigen jungen Mann, den Sonnenjüngling Arewamanuk. Dieser ist nicht in eine furchterregende Gestalt eingeschlossen, sondern schön von Antlitz und Gestalt, aber ebenso wie der Schlangenjüngling Opfer der Maßlosigkeit seiner Eltern. Und wieder wandelt sich das Schicksal der jungen Frau, einsame und arbeitsreich ist das Leben mit dem Sonnenjüngling Arewamanuk auf der Insel, offensichtlich aber auch glücklich, den Beiden wird ein Kind geboren. Noch etliche Wendungen nimmt das Märchen, auch Arewamanuk wird erlöst, und letztlich begegnen sich alle 3, Odzamanuk, Arewamanuk und die junge Frau, die zu dem Einen wie zu dem Anderen gehört. Die Sonne als Symbol höchster himmlischer Kräfte im Namen des einen jungen Mannes und die Schlange als Symbol zutiefst erdgebundener Kräfte im Namen des anderen jungen Mannes verweisen dabei auf einen großen Spannungsbogen. Durch ihre einfühlsame Entscheidung wird die junge Frau beiden Seiten gerecht und vermag damit die Spannung zu halten. Es lässt sich ohne große Mühe ein zukünftig friedliches Miteinander der Sonnen- und der Schlangenfamilie fantasieren. „Arewamanuk, da hast Du deinen Sohn. Ich lasse ihn Dir, ziehe ihn groß, doch ich gehe mit Odzamanuk, da ich seine angetraute Frau bin.“

(Ricarda Lukas)


Wussten Sie, dass Märchen so spannend sein können? Sie erzählen davon, wie Menschen die ihnen vertraute Welt verlassen (müssen), wie sie dabei in Gefahren geraten oder in die Anderswelt, Proben bestehen und Aufgaben lösen müssen - genau wie im Leben. Wie in einem Spiegel zeigen uns die Märchen, was uns bewegt - und manchmal zeigen sie uns mehr als das, zeigen neue Möglichkeiten und Erfahrungen.

In der Europäischen Märchengesellschaft haben sich Wissenschaftler/innen und Erzähler/innen, vor allem aber Märchenliebhaber/innen zusammengefunden, die die Freude an den Märchen miteinander teilen, die Freude an ihrer bleibenden Schönheit, Weisheit und Wahrheit. Aber wir wollen diesen märchenhaften Schatz auch an andere weitergeben. Denn mit und in den Märchen, diesen Spiegelbildern der menschlichen Seele, können wir uns wieder finden. Und weil Märchen ein gemeinsames Kulturerbe aller Völker der Erde sind, können wir mit Märchen auch zusammenfinden, über alle Grenzen hinweg.

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Der Band 12 unserer Märchenschätze ist da!

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Märchen erzählen von grundlegenden menschlichen Erfahrungen, und da wir täglich mit Vergessen und Erinnern konfrontiert sind, finden sich diese Themen auch in vielen Märchen wieder. Wieso vergessen wir etwas, sogar wenn es wesentlich ist? Was führt dazu, dass wir uns wieder erinnern? Wie gehen wir mit dem Vergessen von Wesentlichem um? Und wie erinnern wir uns an das, was wir nicht vergessen dürfen?

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Forschungsbeiträge aus der Welt der Märchen

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Im Mai 2018 lud die Europäische Märchengesellschaft zu ihrem Kongress nach Bad Kissingen ein. Die Vorträge zum Thema "Vergessen und Erinnern im und mit Märchen", das weitgefächert untersucht wurde, liegen in diesem Band versammelt vor.
Über die griechische Antike und die göttlichen "Schwestern" Lethe und Mnemosyne, Vergessen und Erinnern, lesen wir; auch Homers Odyssee trägt Bedeutungsvolles zum Thema bei. In Märchen und nordischen Sagas geht es um vergessene Versprechen und die Folgen. Was macht Gedächtnisverlust mit Menschen und können Märchen bei demenzieller Erkrankung noch eine Form von Kommunikation ermöglichen? Erinnern ohne Schrift - wie gelingt das bei den indigenen Völkern? Märchen der Sammlungen des 19. Jahrhunderts waren oft genug antisemitisch und bereiteten unter anderem das Terrain für den Holocaust vor. Das vergessen wir nur allzu gerne, sollten es aber erinnern und Märchen dahingehend kritisch hinterfragen. Resilienz, diese Fähigkeit half den Spazzacamini, den "lebenden Kaminbesen" aus den armen Alpenländern, ihre schlimmen Erinnerungen in erzählbare märchenhafte Geschichten umzuwandeln.
Herausgegeben im Auftrag der Europäischen Märchengesellschaft von Harlinda Lox und Sabine Lutkat.

Zu weiteren Informationen nutzen Sie bitte die obere Informationsleiste. Sie können aber auch postalisch mit uns in Kontakt treten:

Europäische Märchengesellschaft
Nordflügel Kloster/Schloß Bentlage
Bentlager Weg 130
48432 Rheine

Tel: 05971 918-420
Fax 05971 918-429
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