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Alsbald wuchsen die Gräten zu einem Baum zusammen,

einem Baum mit einem Stamm aus Eisen, Blättern aus Seide, Blüten aus Gold und Früchten aus Gold. Paul Hambruch, ein deutscher Ethnologe, hat das Märchen aus einem ebenfalls märchenhaft anmutenden Teil der Welt mitgebracht. Makassar gehört zu Indonesien, der vielfältigen Inselwelt zwischen indischen und pazifischen Ozean, und die Geschichte von der jüngsten, unterschätzen Schwester, die nur für Haus und Herd taugt, dann aber doch einen König, hier den von Java, bekommt, hat in Hambruch sicher die Verbindung zu den Märchen der Grimms und Ludwig Bechsteins, Aschenputtel und Aschenbrödel, anklingen lassen. So ist das Makkassarische Aschenbrödel entstanden. Verwandlung findet in diesem Märchen in einer archaischen Form statt. Aus den sterblichen Überresten des geliebten Djulung - Djulung - Fisches erwächst der oben erwähnte, zauberhafte Baum. In den frühzeitlichen Vorstellung der Menschen von Lebens- und Entwicklungsprozessen hängt Alles mit Allem zusammen, demzufolge kann sich Alles in Alles verwandeln, befindet sich in einem ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen. Was stirbt, kann aus seinen Überresten wiedererstehen. „Selbst der Knochen besitzt Verwandlungs- und Sprachfähigkeit; er ist Vitalträger par excellence und führt zur glücklichen Wiedergeburt der Verstorbenen“ schreibt Kurt Deurung (Märchen und Totemismus), und hier klingen nun die Grimmschen Märchen Von dem Machandelbaum und Der Singende Knochen an. Leicht hätte uns Paul Hambruch also auch ein Märchen vom Makassarischen Zauberbaum oder Zauberknochen hinterlassen können. Gemäß den animistischen Vorstellungen der frühen Bewohner der Insel, den Makassaren und Buginesen, wohnt die Lebenskraft eines Menschen, seine Seele, sowohl in ihm selbst als auch in anderen Wesen, einem Tier, einer Pflanze, sogar einem Ding. Was dem menschlichen Teil der Seele widerfährt, geschieht auch allen anderen Teilen. Die innige Beziehung zwischen dem Djulung- Djulung - Fisch und dem Mädchen kann so auch als Seelenverwandtschaft verstanden werden, die sich in der beeindruckenden Beschaffenheit des wunderbaren Baumes ausdrückt. Dies lockt letztlich auch den König von Java an, er sticht in See, um das Geheimnis des Baumes zu ergründen. Niemand jedoch kann ihm Auskunft geben, erst als er, der unbeirrt weiterfragt, die jüngste Tochter, das Aschenbrödel der Familie, erreicht, kommt ihm der ganze Zauber des Baumes und gewandelten Fisches zu. Aus der Hand der jungen Frau erhält er zarte Seidenblätter und kostbare Früchte, wird eingeschlossen in die liebevolle Verbindung zwischen Baumfisch und Mädchen. Gemeinsam mit ihr, die nun seine Frau ist, reist er heim und da beider Liebe offensichtlich Vieles umfassen kann, durften „die sechs anderen Schwestern mit dem König und der Königin reisen.“

(Ricarda Lukas)


Wussten Sie, dass Märchen so spannend sein können? Sie erzählen davon, wie Menschen die ihnen vertraute Welt verlassen (müssen), wie sie dabei in Gefahren geraten oder in die Anderswelt, Proben bestehen und Aufgaben lösen müssen - genau wie im Leben. Wie in einem Spiegel zeigen uns die Märchen, was uns bewegt - und manchmal zeigen sie uns mehr als das, zeigen neue Möglichkeiten und Erfahrungen.

In der Europäischen Märchengesellschaft haben sich Wissenschaftler/innen und Erzähler/innen, vor allem aber Märchenliebhaber/innen zusammengefunden, die die Freude an den Märchen miteinander teilen, die Freude an ihrer bleibenden Schönheit, Weisheit und Wahrheit. Aber wir wollen diesen märchenhaften Schatz auch an andere weitergeben. Denn mit und in den Märchen, diesen Spiegelbildern der menschlichen Seele, können wir uns wieder finden. Und weil Märchen ein gemeinsames Kulturerbe aller Völker der Erde sind, können wir mit Märchen auch zusammenfinden, über alle Grenzen hinweg.

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Der Band 12 unserer Märchenschätze ist da!

Vom Vergessen und Erinnern

EMG Märchenschätze

Märchen erzählen von grundlegenden menschlichen Erfahrungen, und da wir täglich mit Vergessen und Erinnern konfrontiert sind, finden sich diese Themen auch in vielen Märchen wieder. Wieso vergessen wir etwas, sogar wenn es wesentlich ist? Was führt dazu, dass wir uns wieder erinnern? Wie gehen wir mit dem Vergessen von Wesentlichem um? Und wie erinnern wir uns an das, was wir nicht vergessen dürfen?

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Der neueste Band unserer Schriftenreihe ist da!

Märchen der Welt
Gärten der Welt

Forschungsbeiträge aus der Welt der Märchen

EMG Schriftenreihe, Band 43

Im September 2017 fand der Jahreskongress der Europäischen Märchengesellschaft e.V. in Berlin in Kooperation mit der Internationalen Gartenausstellung (IGA) statt. Die Vorträge des Kongresses sind in diesem Band versammelt.
Gärtnern und Erzählen sind elementare menschliche Fähigkeiten, Notwendigkeiten und Bedürfnisse. Wir bauen Nahrungsmittel an, um leben zu können. Wir erzählen, um unser Welt-Erleben zu deuten. Gärtnernd und erzählend schaffen wir Inseln der Ordnung in einer immer wieder chaotischen Welt. Wir lernen, zwischen verschiedenen Kulturen Brücken zu schlagen, stellen manche Unterschiede und noch mehr Gemeinsamkeiten fest.
Im Fokus unserer viertägigen Veranstaltung standen Fragen zu Gärtnern und Erzählen, zu Kulturschaffen und -verändern. Wie hängen "agricultura" und "Kultur" im übertragenen Sinne zusammen? Und wie gehen wir mit Menschen um, die aus anderen Kulturen zu uns kommen? Worin liegt die besondere integrative Kraft der Märchen?
Märchenforschung findet nicht allein im "Elfenbeinturm" statt und Märchenerzählen ist nicht nur etwas für verträumte Stunden am Kamin. Märchen kommen aus dem Leben und gehören ins Leben. Die Arbeit des Kultivierens bleibt unsere ständige Herausforderung - wie das Gärtnern.
Herausgegeben im Auftrag der Europäischen Märchengesellschaft von Harlinda Lox und Angelika B. Hirsch.

Zu weiteren Informationen nutzen Sie bitte die obere Informationsleiste. Sie können aber auch postalisch mit uns in Kontakt treten:

Europäische Märchengesellschaft
Nordflügel Kloster/Schloß Bentlage
Bentlager Weg 130
48432 Rheine

Tel: 05971 918-420
Fax 05971 918-429
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