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„Da wählte der Ältere den Tag und der Jüngere die Nacht, und sie verwandelten sich in die Sonne und den Mond.“
Der Riese Mundilfari hatte zwei Kinder, die ob ihrer außerordentlichen Schönheit Sonne (Sol) und Mond (Mani) genannt worden, so weiß es die nordische Mythologie. Als Wagenlenker dürfen sie die Gefährte von Sonne und Mond über den Himmel lenken. Verfolgt wurden die Wagen der Götter ebenfalls von Zwillingen, denn Wölfen Skalli und Hati.
Mond und Sonne als die Verkörperung von Zwillinge göttlicher Herkunft ist eine in zahlreichen Mythologien auftretende Vorstellung. Helios, Sonnengott der frühen griechischen Mythologie, folgt auf seinem Weg durch den Tag den Spuren seiner Mondschwester Selene - oder diese folgt auf ihrem nächtlichen Weg seinen Spuren. Nahezu durchgehend wird der Mond dabei als der weibliche Part des Paares gesehen, aber auch, wie in dem vorgestellten südamerikanischen Märchen, als der jüngere, stärker auf Zuwendung und Hilfe angewiesene Teil. „Der jüngere, Derevuy, aß nicht und weinte vor Hunger.“ Das milde, silberne Licht des Mondes, sein Auftreten in der Nacht, die zu- und abnehmende Gestalt, welches die Menschen beobachteten, machen diese Zuordnung nachvollziehbar. Noch heute bringen wir den Mond mit Gefühlen, Ahnung, Intuition in Verbindung, dem eher Verborgenen unserer Wahrnehmung.
Ganz anders sind die Eindrücke, die bekommt, wer die Sonne beobachtet. Klar und deutlich ist sie am Himmel zu sehen, den sie erhellt, den Tag erschafft und die Sichtbarkeit der Dinge. Als göttlicher Zwilling ist sie der tatkräftige, der ältere und selbständige, oft auch der männliche. „der ältere der Zwillinge, Derekey, bat die Alte, ihm Bogen und Pfeile zu machen, indem er ihr versprach, Vögel für sie zu jagen,“ Selbstbewusstsein, scharfes Denken, Tatkraft und Offenheit ordnen wir der Sonne zu. „Die Natur ist der mütterliche Grund und Anfang der Vorstellungen von den Göttern gewesen.“  
(Ludwig Preller 1854, in de Vries 1961: 203)
Auch die indianische Mythen Nord- und Südamerikas erzählen die Geschichte mythischer Zwillingen, deren einer, hell, strahlend, mutig voranschreitend, mit der Sonne verbunden wird. Sein Bruder, mit ihm durch die gemeinsame Geburt eng verbunden, geht in seinem Schatten, als treuer, aber nur schwach sichtbarer Begleiter. Ihm wird der Mond zugeordnet. Die Shuar, ein inidigenes Volk des Amazonastieflandes, berichten von Etsa, der Sonne und seinem Zwillingsbruder Nantu, dem Mond. „Die Frau war schwanger, doch sie trug statt der Kinder zwei große Eier in ihrem Körper. Der Riese nahm die beiden Eier aus ihrem Bauch, reinigte sie mit seiner Zunge und legte sie auf einen Stein. ... Nach einigen Tagen schlüpften die Zwillinge, zwei wunderschöne Knaben aus, Sonne Etsa und Mond Nantu.“ (Elke Mader, Ethnologische Mythenforschung, S.39)

(Ricarda Lukas)


Wussten Sie, dass Märchen so spannend sein können? Sie erzählen davon, wie Menschen die ihnen vertraute Welt verlassen (müssen), wie sie dabei in Gefahren geraten oder in die Anderswelt, Proben bestehen und Aufgaben lösen müssen - genau wie im Leben. Wie in einem Spiegel zeigen uns die Märchen, was uns bewegt - und manchmal zeigen sie uns mehr als das, zeigen neue Möglichkeiten und Erfahrungen.

In der Europäischen Märchengesellschaft haben sich Wissenschaftler/innen und Erzähler/innen, vor allem aber Märchenliebhaber/innen zusammengefunden, die die Freude an den Märchen miteinander teilen, die Freude an ihrer bleibenden Schönheit, Weisheit und Wahrheit. Aber wir wollen diesen märchenhaften Schatz auch an andere weitergeben. Denn mit und in den Märchen, diesen Spiegelbildern der menschlichen Seele, können wir uns wieder finden. Und weil Märchen ein gemeinsames Kulturerbe aller Völker der Erde sind, können wir mit Märchen auch zusammenfinden, über alle Grenzen hinweg.

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Neue Veröffentlichungen

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Der Band 12 unserer Märchenschätze ist da!

Vom Vergessen und Erinnern

EMG Märchenschätze

Märchen erzählen von grundlegenden menschlichen Erfahrungen, und da wir täglich mit Vergessen und Erinnern konfrontiert sind, finden sich diese Themen auch in vielen Märchen wieder. Wieso vergessen wir etwas, sogar wenn es wesentlich ist? Was führt dazu, dass wir uns wieder erinnern? Wie gehen wir mit dem Vergessen von Wesentlichem um? Und wie erinnern wir uns an das, was wir nicht vergessen dürfen?

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Der neueste Band unserer Schriftenreihe ist da!

Macht und Ohnmacht
Forschungsbeiträge aus der Welt der Märchen

EMG Schriftenreihe, Band 42

Der Jahreskongress der Europäischen Märchengesellschaft e.V. fand 2016 in Würzburg in Zusammenarbeit mit der Domschule Würzburg, Akademie des Bistums, zu dem Thema "Macht und Ohnmacht - Erfahrungen im Märchen und im Leben" statt. In diesem Band sind die Vorträge des Kongresses versammelt.
Was ist Macht, was macht Macht mit uns? Wie sieht es mit der Ohnmacht aus? Ist sie das Gegenteil von Macht, was macht sie mit uns und wie kommen wir aus Ohnmachtserfahrungen wieder heraus? Fragen, die unter anderem in den Referaten erörtert werden. Macht- und Ohnmachtserfahrungen sind ständige Begleiter in unserem Leben, in wichtigen Momenten ebenso wie im Alltäglichen, sowohl auf persönlicher und individueller als auch auf gesellschaftlicher und sozialer Ebene. Erfahrungen von Ohnmacht und Macht hat jeder, und zwar in beiden Bereichen. Weil diese so selbstverständlich zu unserem Leben gehören, spiegeln sie sich auch in den Volksmärchen wider. Gerade mit ihren Bildern und Symbolen greifen Märchen die grundsätzlichen menschlichen Erfahrungen auf, so können sie angeschaut und gedeutet werden. Märchen können helfen, eigene Erfahrungen einzuordnen.
Ein Achtergewicht bildet der Aufsatz über Max Lüthi, der vor 25 Jahren verstorben ist.
Herausgegeben im Auftrag der Europäischen Märchengesellschaft von Harlinda Lox und Sabine Lutkat.

Zu weiteren Informationen nutzen Sie bitte die obere Informationsleiste. Sie können aber auch postalisch mit uns in Kontakt treten:

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Nordflügel Kloster/Schloß Bentlage
Bentlager Weg 130
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Tel: 05971 918-420
Fax 05971 918-429
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