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Der Ring schmiegte sich an, erstrahlte und paßte ihr, als wäre er für sie geschmiedet ...

Der Ring, als Zeichen der Verbindung und Verbindlichkeit, der Ganzheit und Geschlossenheit, ist für sie gemacht, für die bildschöne Schwester des Fürsten. Erst an ihrem Finger glänzt und erstrahlt der Ring. Offensichtlich ist der Ring aber nicht nur für sie gemacht, denn es gibt noch eine andere, an deren Finger er passt.
Zum Abschluss des Jahres und als letztes der Zwillingsmärchen bietet das 1861 erstmals vom russischen Märchenforscher Alexander Afanasjew veröffentlichte Märchen eine ebenso seltsame wie reizvolle Zwillingskonstellation an. Zwei Schwestern, Zwillinge sogar, denn sie gleichen sich „von Gestalt und Angesicht: die Augen gleich, die Brauen gleich!“, leben in zwei weit voneinander entfernten Welten. Die eine, Schwester des Fürsten, auf der Sonnenseite des Lebens, in Schönheit und Reichtum. Die andere, Hexentochter, unter der Erde, im Reich der Hexe, auf der Schattenseite. Erst durch eine Notsituation kommen die Beiden, deren Begegnung anfangs eher unwahrscheinlich ist, zueinander. Der Fürst will seine Schwester heiraten, sie ist die, vom Ring erkannte, richtige Braut. Diese aber spürt und ahnt, dass sie genau das nicht ist und beginnt folgerichtig den so heldentypischen Abstieg in die Unterwelt, der ja immer ein Weg der tiefen Erkenntnisse ist. Dort begegnet sie in Gestalt der Hexentochter Ihrem Eben- und Spiegelbild. In nichts unterscheiden sich die beiden jungen Frauen, sie sind gleich schön, gleich gütig, gleich gut. Gemeinsam besiegen sie die Hexenmutter, gemeinsam gelingt ihn die Flucht aus der Unterwelt, gemeinsam bestickten sie ein Tuch mit Gold und Silber. Wo also bleibt das Gegensätzliche, das Spannungsvolle, welches die Zwillingsbeziehung doch sooft kennzeichnet? So gleich sich die Beiden an Aussehen und Verhalten sind, ist die eine Schöne doch diesseitiger, die andere jenseitiger Natur. Vielleicht hat die Schwester mit der Hexentochter ihren himmlischen oder Seelenzwilling aus Unterwelt und Gefangenschaft befreit? Jenen Anteil am Ewigen, Ganzen und Transzendenten, der in jedem Mensch wohnt, den wir Menschen aber entdecken und ans Licht bringen müssen. Es ist ein adventlicher Gedanke, dass uns ein innerer Zwilling entgegen kommt, uns bereichert und neu ausrichtet. So, wie es der jungen Fürstin und ihrer Hexenschwester ergeht, für die sich die Dinge am Ende auch richten und zum Guten wenden.

Eine sinnenfrohe Adventszeit!
Ricarda Lukas


Wussten Sie, dass Märchen so spannend sein können? Sie erzählen davon, wie Menschen die ihnen vertraute Welt verlassen (müssen), wie sie dabei in Gefahren geraten oder in die Anderswelt, Proben bestehen und Aufgaben lösen müssen - genau wie im Leben. Wie in einem Spiegel zeigen uns die Märchen, was uns bewegt - und manchmal zeigen sie uns mehr als das, zeigen neue Möglichkeiten und Erfahrungen.

In der Europäischen Märchengesellschaft haben sich Wissenschaftler/innen und Erzähler/innen, vor allem aber Märchenliebhaber/innen zusammengefunden, die die Freude an den Märchen miteinander teilen, die Freude an ihrer bleibenden Schönheit, Weisheit und Wahrheit. Aber wir wollen diesen märchenhaften Schatz auch an andere weitergeben. Denn mit und in den Märchen, diesen Spiegelbildern der menschlichen Seele, können wir uns wieder finden. Und weil Märchen ein gemeinsames Kulturerbe aller Völker der Erde sind, können wir mit Märchen auch zusammenfinden, über alle Grenzen hinweg.

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Neue Veröffentlichungen

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Der Band 12 unserer Märchenschätze ist da!

Vom Vergessen und Erinnern

EMG Märchenschätze

Märchen erzählen von grundlegenden menschlichen Erfahrungen, und da wir täglich mit Vergessen und Erinnern konfrontiert sind, finden sich diese Themen auch in vielen Märchen wieder. Wieso vergessen wir etwas, sogar wenn es wesentlich ist? Was führt dazu, dass wir uns wieder erinnern? Wie gehen wir mit dem Vergessen von Wesentlichem um? Und wie erinnern wir uns an das, was wir nicht vergessen dürfen?

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Der neueste Band unserer Schriftenreihe ist da!

Märchen der Welt
Gärten der Welt

Forschungsbeiträge aus der Welt der Märchen

EMG Schriftenreihe, Band 43

Im September 2017 fand der Jahreskongress der Europäischen Märchengesellschaft e.V. in Berlin in Kooperation mit der Internationalen Gartenausstellung (IGA) statt. Die Vorträge des Kongresses sind in diesem Band versammelt.
Gärtnern und Erzählen sind elementare menschliche Fähigkeiten, Notwendigkeiten und Bedürfnisse. Wir bauen Nahrungsmittel an, um leben zu können. Wir erzählen, um unser Welt-Erleben zu deuten. Gärtnernd und erzählend schaffen wir Inseln der Ordnung in einer immer wieder chaotischen Welt. Wir lernen, zwischen verschiedenen Kulturen Brücken zu schlagen, stellen manche Unterschiede und noch mehr Gemeinsamkeiten fest.
Im Fokus unserer viertägigen Veranstaltung standen Fragen zu Gärtnern und Erzählen, zu Kulturschaffen und -verändern. Wie hängen "agricultura" und "Kultur" im übertragenen Sinne zusammen? Und wie gehen wir mit Menschen um, die aus anderen Kulturen zu uns kommen? Worin liegt die besondere integrative Kraft der Märchen?
Märchenforschung findet nicht allein im "Elfenbeinturm" statt und Märchenerzählen ist nicht nur etwas für verträumte Stunden am Kamin. Märchen kommen aus dem Leben und gehören ins Leben. Die Arbeit des Kultivierens bleibt unsere ständige Herausforderung - wie das Gärtnern.
Herausgegeben im Auftrag der Europäischen Märchengesellschaft von Harlinda Lox und Angelika B. Hirsch.

Zu weiteren Informationen nutzen Sie bitte die obere Informationsleiste. Sie können aber auch postalisch mit uns in Kontakt treten:

Europäische Märchengesellschaft
Nordflügel Kloster/Schloß Bentlage
Bentlager Weg 130
48432 Rheine

Tel: 05971 918-420
Fax 05971 918-429
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