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Da nahm das Mädchen die Wünschelrute und verwandelte sich in einen Schwan

... und den Prinzen in einen Teich.
Verwandlung dient in dem Märchen „Der Okerlo“ (KMH70a) der Täuschung. Sie wird von der Heldin des Märchens, einer wunderschönen Königstochter, eingesetzt, um sich zu und ihren Liebsten auf der Flucht vor den Ogern zu schützen und zu verbergen. Dreimal ergreift das junge Mädchen den Zauberstab, verwandelt sich und den seltsam passiv bleibenden Prinzen in Dies und Das, und schafft es so jedes Mal, der Verfolgung zu entkommen. Es ist das bekannte Märchenmotiv der magischen Flucht, hier in Form der der Verwandlungsflucht, welches uns, wie auch in anderen Grimmschen Märchen, entgegen tritt. Anders jedoch als z.B. in Fundevogel oder Der Liebste Roland lässt sich das verfolgende dämonische Wesen sehr leicht verwirren und letztlich abschütteln, es gibt kein ernsthaftes Erkennen von Königstochter und Prinz, kein ernsthaftes Bemühen, beider habhaft zu werden. Die Ogerin kehrt, nachdem sie die Beiden nicht sofort und mühelos zu fassen bekommen hat, immer wieder sehr schnell unverrichteter Dinge nach Hause zurück. Vielleicht also verbirgt sich unter den gut sichtbaren Verwandlungen von Prinz und Königstochter ein viel weitreichenderes und nicht gleich erkennbares Geschehen? Im ersten Teil des Märchens, welches bereits, höchst erstaunlich, damit beginnt, dass eine Königin ihr kleines Kind auf dem Meer aussetzt, stehen sich Menschenfresserin und Königskind am Strand gegenüber. Plump, grobschlächtig, roh erscheint die Ogerin, die Königstochter dagegen ist schön und fein, mitfühlend und klug, zwei Wesen, wie sie gegensätzlicher nicht sein könnten. Trotzdem wird das Königskind nicht aufgefressen, sondern aufgezogen. Die Menschenfresserin, offensichtlich von ihrer Schönheit berührt, vielleicht sogar ein wenig verwandelt, beschützt und behütet sie, obwohl sie große Not damit hat, wie uns das Märchen wissen lässt, wendet sie sich doch gegen ihr eigen Fleisch und Blut. Ein bemerkenswertes Tun für eine Menschenfresserin, unter Umständen ist eine Spur Mitgefühl und Feinheit in der Ogerin entstanden und macht, dass sie ihr Königskind samt Prinz so leicht davonkommen lässt. Berührung verwandelt und letztlich ist auch die kluge und schöne Königstochter am Ende ihrer Reise auf die Berührung des Menschen, der sie genau auf diese Reise geschickt hatte, ihrer Mutter, angewiesen, um die letzte, die Rückverwandlung in ihre menschliche Gestalt, vollziehen zu können. „Da erkannte die Königin ihre Tochter wieder und war von Herzen froh und vergnügt.“

(Ricarda Lukas)


Wussten Sie, dass Märchen so spannend sein können? Sie erzählen davon, wie Menschen die ihnen vertraute Welt verlassen (müssen), wie sie dabei in Gefahren geraten oder in die Anderswelt, Proben bestehen und Aufgaben lösen müssen - genau wie im Leben. Wie in einem Spiegel zeigen uns die Märchen, was uns bewegt - und manchmal zeigen sie uns mehr als das, zeigen neue Möglichkeiten und Erfahrungen.

In der Europäischen Märchengesellschaft haben sich Wissenschaftler/innen und Erzähler/innen, vor allem aber Märchenliebhaber/innen zusammengefunden, die die Freude an den Märchen miteinander teilen, die Freude an ihrer bleibenden Schönheit, Weisheit und Wahrheit. Aber wir wollen diesen märchenhaften Schatz auch an andere weitergeben. Denn mit und in den Märchen, diesen Spiegelbildern der menschlichen Seele, können wir uns wieder finden. Und weil Märchen ein gemeinsames Kulturerbe aller Völker der Erde sind, können wir mit Märchen auch zusammenfinden, über alle Grenzen hinweg.

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Neue Veröffentlichungen

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Der Band 12 unserer Märchenschätze ist da!

Vom Vergessen und Erinnern

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Märchen erzählen von grundlegenden menschlichen Erfahrungen, und da wir täglich mit Vergessen und Erinnern konfrontiert sind, finden sich diese Themen auch in vielen Märchen wieder. Wieso vergessen wir etwas, sogar wenn es wesentlich ist? Was führt dazu, dass wir uns wieder erinnern? Wie gehen wir mit dem Vergessen von Wesentlichem um? Und wie erinnern wir uns an das, was wir nicht vergessen dürfen?

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Der neueste Band unserer Schriftenreihe ist da!

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Forschungsbeiträge aus der Welt der Märchen

EMG Schriftenreihe, Band 44

Im Mai 2018 lud die Europäische Märchengesellschaft zu ihrem Kongress nach Bad Kissingen ein. Die Vorträge zum Thema "Vergessen und Erinnern im und mit Märchen", das weitgefächert untersucht wurde, liegen in diesem Band versammelt vor.
Über die griechische Antike und die göttlichen "Schwestern" Lethe und Mnemosyne, Vergessen und Erinnern, lesen wir; auch Homers Odyssee trägt Bedeutungsvolles zum Thema bei. In Märchen und nordischen Sagas geht es um vergessene Versprechen und die Folgen. Was macht Gedächtnisverlust mit Menschen und können Märchen bei demenzieller Erkrankung noch eine Form von Kommunikation ermöglichen? Erinnern ohne Schrift - wie gelingt das bei den indigenen Völkern? Märchen der Sammlungen des 19. Jahrhunderts waren oft genug antisemitisch und bereiteten unter anderem das Terrain für den Holocaust vor. Das vergessen wir nur allzu gerne, sollten es aber erinnern und Märchen dahingehend kritisch hinterfragen. Resilienz, diese Fähigkeit half den Spazzacamini, den "lebenden Kaminbesen" aus den armen Alpenländern, ihre schlimmen Erinnerungen in erzählbare märchenhafte Geschichten umzuwandeln.
Herausgegeben im Auftrag der Europäischen Märchengesellschaft von Harlinda Lox und Sabine Lutkat.

Zu weiteren Informationen nutzen Sie bitte die obere Informationsleiste. Sie können aber auch postalisch mit uns in Kontakt treten:

Europäische Märchengesellschaft
Nordflügel Kloster/Schloß Bentlage
Bentlager Weg 130
48432 Rheine

Tel: 05971 918-420
Fax 05971 918-429
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