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... dann verwandelte sie sich ein altes Weib ...

So, wie das alte Jahr endete, so beginnt das neue Jahr. Zumindest, was das vorgestellte Märchen betrifft. Die Zarentochter im unterirdischen Reich, aus der Sammlung weißrussische Märchen von August von Löwis of Menar entspricht in Vielem dem zuletzt vorgestellten Märchen Fürst Danilo und seine Schwester aus der Sammlung Afanasjew. Beide Märchen gehören zum Märchentyp 722 (ATU) Der Bruder heiraten die Schwester. Allein, das Thema ist ein anderes. Im vergangenen Jahr waren es Zwillinge im Märchen, um die sich alles drehte, so geht es 2019 um das Thema Verwandlung. Ein ausgesprochen weitreichendes Thema, verwandeln kann sich so ziemlich Alles in Alles, nicht nur im Märchen, aber natürlich bietet dieses besonders vielfältige Möglichkeiten der Verwandlung. Menschen verwandeln sich in Tiere und zurück, aus Bäumen treten Prinzen und Kleider hervor, verwandeln einfache Mädchen in Königstöchter und Königstöchter in Bettlerinnen. Aus Stroh wird Gold und aus Gold gewöhnlicher Straßenstaub. Ein Teil der magischen Wirkung, des Zaubers, welchen das Märchen ausstrahlt, liegt in dem Motiv der Verwandlung. Verwandlung ist mehr als Veränderung, sie ist grundlegend und tief gehend. Nicht nur Teile, sondern das Ganze ändert sich, bis hin zu einer anderen Seinsform. Dies fasziniert ebenso wie es erschreckt - einmal Jemand, Etwas ganz und gar Anderes zu sein ist verlockend und gleichzeitig von unheimlicher Fremdheit. Die Zarentochter im obigen Märchen gelangt, ebenso wie die Schwester des Fürsten Danilo, aus einer Notsituation heraus in eine unterirdische, vermutlich diesseitige Welt. Hier ist es nun aber keine Zwillings- und Schattenschwester, die der jungen Frau aus der schwierigen Lage heraus hilft, sondern diese erreicht das durch eine selbst initiierte Handlung - die Verwandlung. Diese ist in unserem Märchen zunächst wohl als Selbstschutz zu sehen, verwandelt in eine Alte wird die Zarentochter nicht erkannt und kann in Ruhe einen Neubeginn wagen. Dieser gelingt ihr dann, rückgewandelt in eine schöne, junge Frau verdreht sie dem Zarensohn den Kopf und kann nun an seiner Seite ein, so hoffen wir, glückliches und angemessenes Leben führen, fernab der bedrängenden Wünsche und Begehren ihrer Eltern und ihres Bruders. „Am Sonntag kam die Zarentochter in ihren schönen Kleidern in die Kirche ...

(Ricarda Lukas)

 


Wussten Sie, dass Märchen so spannend sein können? Sie erzählen davon, wie Menschen die ihnen vertraute Welt verlassen (müssen), wie sie dabei in Gefahren geraten oder in die Anderswelt, Proben bestehen und Aufgaben lösen müssen - genau wie im Leben. Wie in einem Spiegel zeigen uns die Märchen, was uns bewegt - und manchmal zeigen sie uns mehr als das, zeigen neue Möglichkeiten und Erfahrungen.

In der Europäischen Märchengesellschaft haben sich Wissenschaftler/innen und Erzähler/innen, vor allem aber Märchenliebhaber/innen zusammengefunden, die die Freude an den Märchen miteinander teilen, die Freude an ihrer bleibenden Schönheit, Weisheit und Wahrheit. Aber wir wollen diesen märchenhaften Schatz auch an andere weitergeben. Denn mit und in den Märchen, diesen Spiegelbildern der menschlichen Seele, können wir uns wieder finden. Und weil Märchen ein gemeinsames Kulturerbe aller Völker der Erde sind, können wir mit Märchen auch zusammenfinden, über alle Grenzen hinweg.

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Neue Veröffentlichungen

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Der Band 12 unserer Märchenschätze ist da!

Vom Vergessen und Erinnern

EMG Märchenschätze

Märchen erzählen von grundlegenden menschlichen Erfahrungen, und da wir täglich mit Vergessen und Erinnern konfrontiert sind, finden sich diese Themen auch in vielen Märchen wieder. Wieso vergessen wir etwas, sogar wenn es wesentlich ist? Was führt dazu, dass wir uns wieder erinnern? Wie gehen wir mit dem Vergessen von Wesentlichem um? Und wie erinnern wir uns an das, was wir nicht vergessen dürfen?

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Der neueste Band unserer Schriftenreihe ist da!

Märchen der Welt
Gärten der Welt

Forschungsbeiträge aus der Welt der Märchen

EMG Schriftenreihe, Band 43

Im September 2017 fand der Jahreskongress der Europäischen Märchengesellschaft e.V. in Berlin in Kooperation mit der Internationalen Gartenausstellung (IGA) statt. Die Vorträge des Kongresses sind in diesem Band versammelt.
Gärtnern und Erzählen sind elementare menschliche Fähigkeiten, Notwendigkeiten und Bedürfnisse. Wir bauen Nahrungsmittel an, um leben zu können. Wir erzählen, um unser Welt-Erleben zu deuten. Gärtnernd und erzählend schaffen wir Inseln der Ordnung in einer immer wieder chaotischen Welt. Wir lernen, zwischen verschiedenen Kulturen Brücken zu schlagen, stellen manche Unterschiede und noch mehr Gemeinsamkeiten fest.
Im Fokus unserer viertägigen Veranstaltung standen Fragen zu Gärtnern und Erzählen, zu Kulturschaffen und -verändern. Wie hängen "agricultura" und "Kultur" im übertragenen Sinne zusammen? Und wie gehen wir mit Menschen um, die aus anderen Kulturen zu uns kommen? Worin liegt die besondere integrative Kraft der Märchen?
Märchenforschung findet nicht allein im "Elfenbeinturm" statt und Märchenerzählen ist nicht nur etwas für verträumte Stunden am Kamin. Märchen kommen aus dem Leben und gehören ins Leben. Die Arbeit des Kultivierens bleibt unsere ständige Herausforderung - wie das Gärtnern.
Herausgegeben im Auftrag der Europäischen Märchengesellschaft von Harlinda Lox und Angelika B. Hirsch.

Zu weiteren Informationen nutzen Sie bitte die obere Informationsleiste. Sie können aber auch postalisch mit uns in Kontakt treten:

Europäische Märchengesellschaft
Nordflügel Kloster/Schloß Bentlage
Bentlager Weg 130
48432 Rheine

Tel: 05971 918-420
Fax 05971 918-429
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