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„...aber da kam noch etwas anderes, und als es zur Welt kam, war es eine schwarze Katze.“

Diese schwarze Katze ist ebenfalls ein Zwilling, einer der besonderen Art, ein Tierzwilling. Ähnlich wie in dem norwegischen Märchen Zottelhaube ist auch hier das Entstehen des zweiten, dunklen Zwillings einer Unachtsamkeit oder vielleicht auch einem schicksalhaftem Verlauf zu zu schreiben. Weder die schwarze Forelle noch die schwarze hässliche Blume sollten gegessen werden, wurden es dann aber doch und sorgten für die Entstehung des zweiten, ungewollten Zwillings, der sogleich auch weggesperrt wurde, sich aber, voller Lebenskraft, immer wieder einen Weg zu Mutter und Schwester bahnt. Genauso merkwürdig wie die Existenz des zweiten Zwillings, der Katze Kisa, ihrer Mutter und Schwester erschien, war die Existenz eines zweiten Kindes für unsere Vorfahren. Ihre Anwesenheit und Herkunft würde deshalb oft einem Geist zu geschrieben, bei den eng mit der Natur verbunden lebenden frühen Völkern häufig einem Geist in Tiergestalt. Bei dem zweiten Zwilling, übersinnlichen Ursprunges, wurden daher besondere Kräfte und Fähigkeiten vermutet, er wurde verehrt und gefürchtet und natürlich würde von ihm erwartet, das er das Schicksal seiner Familie, seines Volkes in besonderer Weise beeinflussen könne. Folgerichtig treten in den Schöpfungsmythen verschiedener Völker andersgestaltige Zwillinge auf. Die afrikanischen Dogon erzählen ebenso wie die nordamerikanischen Hopi von einem Schlangen-Zwilling, der die Erde fruchtbar macht, Wasser und damit Grün und Nahrung bringt. Dieses Motiv greift der italienische Märchendichter Giovanni Francesco Straparola auf, indem er der schönen Biancabella, Heldin einer seiner Ergötzliche Nächte, eine Natter als Zwillingsschwester zugesellt, welche ihr helfend und heilend zur Seite steht, ebenso wie die Katze Kisa ihrer Zwillingsschwester Ingibjörg. Und so sind die durch unsere Märchen geisternden seltsamen und mit besonderer Lebensenergie bedachten Zwillinge wohl auch ein Überbleibsel des Staunens und der Ehrfurcht unserer Vorfahren dem Phänomen Zwilling gegenüber. „Das sei euch jetzt auferlegt, dass ihr zu Forellen werdet, einer weißen und einer schwarzen. Aus dieser Verzauberung sollt ihr nie erlöst werden, wenn euch nicht eine Königin verschluckt und ihr wiedergeboren werdet.“

(Ricarda Lukas)


Wussten Sie, dass Märchen so spannend sein können? Sie erzählen davon, wie Menschen die ihnen vertraute Welt verlassen (müssen), wie sie dabei in Gefahren geraten oder in die Anderswelt, Proben bestehen und Aufgaben lösen müssen - genau wie im Leben. Wie in einem Spiegel zeigen uns die Märchen, was uns bewegt - und manchmal zeigen sie uns mehr als das, zeigen neue Möglichkeiten und Erfahrungen.

In der Europäischen Märchengesellschaft haben sich Wissenschaftler/innen und Erzähler/innen, vor allem aber Märchenliebhaber/innen zusammengefunden, die die Freude an den Märchen miteinander teilen, die Freude an ihrer bleibenden Schönheit, Weisheit und Wahrheit. Aber wir wollen diesen märchenhaften Schatz auch an andere weitergeben. Denn mit und in den Märchen, diesen Spiegelbildern der menschlichen Seele, können wir uns wieder finden. Und weil Märchen ein gemeinsames Kulturerbe aller Völker der Erde sind, können wir mit Märchen auch zusammenfinden, über alle Grenzen hinweg.

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Neue Veröffentlichungen

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Der Jubiläumsband unserer Märchenschätze ist da!

Das Gesicht der Völker

EMG Märchenschätze, Jubiläumsband

Im Zusammenleben von Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen können Märchen zum Nachdenken darüber anregen und Gemeinsamkeiten deutlich und erlebbar machen.
Für die Europäische Märchengesellschaft ist Völkerverständigung einer der wichtigsten Aspekte. Zu ihrem 60-jährigen Jubiläum legt sie nun diese Sammlung vor mit selten gehörten europäischen Märchen aus den ersten zwei Jahrzehnten der Gesellschaft.

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Der neueste Band unserer Schriftenreihe ist da!

Macht und Ohnmacht
Forschungsbeiträge aus der Welt der Märchen

EMG Schriftenreihe, Band 42

Der Jahreskongress der Europäischen Märchengesellschaft e.V. fand 2016 in Würzburg in Zusammenarbeit mit der Domschule Würzburg, Akademie des Bistums, zu dem Thema "Macht und Ohnmacht - Erfahrungen im Märchen und im Leben" statt. In diesem Band sind die Vorträge des Kongresses versammelt.
Was ist Macht, was macht Macht mit uns? Wie sieht es mit der Ohnmacht aus? Ist sie das Gegenteil von Macht, was macht sie mit uns und wie kommen wir aus Ohnmachtserfahrungen wieder heraus? Fragen, die unter anderem in den Referaten erörtert werden. Macht- und Ohnmachtserfahrungen sind ständige Begleiter in unserem Leben, in wichtigen Momenten ebenso wie im Alltäglichen, sowohl auf persönlicher und individueller als auch auf gesellschaftlicher und sozialer Ebene. Erfahrungen von Ohnmacht und Macht hat jeder, und zwar in beiden Bereichen. Weil diese so selbstverständlich zu unserem Leben gehören, spiegeln sie sich auch in den Volksmärchen wider. Gerade mit ihren Bildern und Symbolen greifen Märchen die grundsätzlichen menschlichen Erfahrungen auf, so können sie angeschaut und gedeutet werden. Märchen können helfen, eigene Erfahrungen einzuordnen.
Ein Achtergewicht bildet der Aufsatz über Max Lüthi, der vor 25 Jahren verstorben ist.
Herausgegeben im Auftrag der Europäischen Märchengesellschaft von Harlinda Lox und Sabine Lutkat.

Zu weiteren Informationen nutzen Sie bitte die obere Informationsleiste. Sie können aber auch postalisch mit uns in Kontakt treten:

Europäische Märchengesellschaft
Nordflügel Kloster/Schloß Bentlage
Bentlager Weg 130
48432 Rheine

Tel: 05971 918-420
Fax 05971 918-429
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