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Verwandlung gelingt nicht immer

Ein Kinderwunsch besteht, dieser wird aber nicht auf natürlichen Wege erfüllt, es bedarf eines magischen Vorganges, um das Gewünschte ins Leben zu rufen. Dies ist ein häufiges Motiv im Märchen, oft mit einer Verwandlung verbunden. Mitunter ist es nur ein ausgesprochener Wunsch oder Seufzer nach dem nicht vorhandenen Kind, der von einem magischen Wesen erhört und erfüllt wird. In anderen Fällen müssen die zukünftigen Eltern viel auf sich nehmen, sogar Gefahr für Leib und Leben, um die magische Empfängnis zu erlangen, so den verbotenen Abstieg in den verschlossen Garten der Zauberin Gothel nach den schönsten Rapunzeln, frisch und grün (Rapunzel 1857), einen Pakt mit dem Teufel (Die Prinzessin im Sarg und die Schildwache/ Venetien), ja, sie müssen sogar das Wissen um das ungewisse, beängstigende Schicksal oder den frühen Tod des so gewünschten Kinder ertragen (Turm zu den Sternen/ Baskenland).

Aus einem Erlenklotz wird das heiß ersehnte Kind in dem finnischen Märchen hervorgebracht, sein Vater „...schaukelte es drei Jahre lang. Da bekam es Leben.“, auch dies ein durchaus engagierter Einsatz für den Wunsch nach einem Kind. Der mutige und liebevolle Einsatz der Eltern für ihr Kind, dessen eigene Entfaltung zu Schönheit und Güte hin, wird, dies erscheint uns Hörern und Lesern des Märchens richtig, gerecht, zumeist belohnt. Anfangs gezeichnet durch den magische Pakt, der seiner Geburt zugrunde lag, eine Esels - oder Igelhaut, den frühen Tod oder die Auslieferung an das zumeist dämonische Wesen, wandelt sich das Schicksal des Kindes und verwandelt sich seine Gestalt ins Lichte und Gute. „Von Stund an begann sie auch allmählich weiß zu werden, und Morgens Glock sechs stand sie da in voller Schönheit und weiß wie zuvor.“ (Die schwarze Prinzessin/ W.Busch). Genau dies passiert im vorliegenden Märchen nicht, aus einem Erlenklotz entstandenen, bleibt der junge Mann ein Klotz, in seinem Handeln, seinem Verhalten, seiner sozialen Einbindung. Sowohl äußerlich wie innerlich wirkt er grob, ungestalten, erinnert eher an ein Stück Holz als eine lebendige Seele. Wandeln bedeutet von seiner Wortherkunft her wenden, sich wiederholt wenden. Wandlung ist somit ein aktiver Prozess, sie geschieht nicht von selbst, Altes, Ansichten, Verhaltensweisen, Fantasien, müssen bewusst aufgegeben werden und Platz für Neues machen, für mehr Freundlichkeit, Verbindlichkeit, Vernunft und Annahme. Nur so wird aus der anfänglichen Raupe der Schmetterling. Im Märchen vom Erlenklotz aber bleibt alles wie es war.

(Ricarda Lukas)


Wussten Sie, dass Märchen so spannend sein können? Sie erzählen davon, wie Menschen die ihnen vertraute Welt verlassen (müssen), wie sie dabei in Gefahren geraten oder in die Anderswelt, Proben bestehen und Aufgaben lösen müssen - genau wie im Leben. Wie in einem Spiegel zeigen uns die Märchen, was uns bewegt - und manchmal zeigen sie uns mehr als das, zeigen neue Möglichkeiten und Erfahrungen.

In der Europäischen Märchengesellschaft haben sich Wissenschaftler/innen und Erzähler/innen, vor allem aber Märchenliebhaber/innen zusammengefunden, die die Freude an den Märchen miteinander teilen, die Freude an ihrer bleibenden Schönheit, Weisheit und Wahrheit. Aber wir wollen diesen märchenhaften Schatz auch an andere weitergeben. Denn mit und in den Märchen, diesen Spiegelbildern der menschlichen Seele, können wir uns wieder finden. Und weil Märchen ein gemeinsames Kulturerbe aller Völker der Erde sind, können wir mit Märchen auch zusammenfinden, über alle Grenzen hinweg.

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Der Band 12 unserer Märchenschätze ist da!

Vom Vergessen und Erinnern

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Märchen erzählen von grundlegenden menschlichen Erfahrungen, und da wir täglich mit Vergessen und Erinnern konfrontiert sind, finden sich diese Themen auch in vielen Märchen wieder. Wieso vergessen wir etwas, sogar wenn es wesentlich ist? Was führt dazu, dass wir uns wieder erinnern? Wie gehen wir mit dem Vergessen von Wesentlichem um? Und wie erinnern wir uns an das, was wir nicht vergessen dürfen?

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Der neueste Band unserer Schriftenreihe ist da!

Märchen der Welt
Gärten der Welt

Forschungsbeiträge aus der Welt der Märchen

EMG Schriftenreihe, Band 43

Im September 2017 fand der Jahreskongress der Europäischen Märchengesellschaft e.V. in Berlin in Kooperation mit der Internationalen Gartenausstellung (IGA) statt. Die Vorträge des Kongresses sind in diesem Band versammelt.
Gärtnern und Erzählen sind elementare menschliche Fähigkeiten, Notwendigkeiten und Bedürfnisse. Wir bauen Nahrungsmittel an, um leben zu können. Wir erzählen, um unser Welt-Erleben zu deuten. Gärtnernd und erzählend schaffen wir Inseln der Ordnung in einer immer wieder chaotischen Welt. Wir lernen, zwischen verschiedenen Kulturen Brücken zu schlagen, stellen manche Unterschiede und noch mehr Gemeinsamkeiten fest.
Im Fokus unserer viertägigen Veranstaltung standen Fragen zu Gärtnern und Erzählen, zu Kulturschaffen und -verändern. Wie hängen "agricultura" und "Kultur" im übertragenen Sinne zusammen? Und wie gehen wir mit Menschen um, die aus anderen Kulturen zu uns kommen? Worin liegt die besondere integrative Kraft der Märchen?
Märchenforschung findet nicht allein im "Elfenbeinturm" statt und Märchenerzählen ist nicht nur etwas für verträumte Stunden am Kamin. Märchen kommen aus dem Leben und gehören ins Leben. Die Arbeit des Kultivierens bleibt unsere ständige Herausforderung - wie das Gärtnern.
Herausgegeben im Auftrag der Europäischen Märchengesellschaft von Harlinda Lox und Angelika B. Hirsch.

Zu weiteren Informationen nutzen Sie bitte die obere Informationsleiste. Sie können aber auch postalisch mit uns in Kontakt treten:

Europäische Märchengesellschaft
Nordflügel Kloster/Schloß Bentlage
Bentlager Weg 130
48432 Rheine

Tel: 05971 918-420
Fax 05971 918-429
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