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„Nur wenn er mir den Sternenring, den Mondenring und den Sonnenring bringt, werde ich seine Gemahlin“

Eine Märchenprinzessin zu erobern, für sich zu gewinnen, ist, nicht nur, aber insbesondere im Märchen, oft mit großen Schwierigkeiten und Gefahren verbunden. Mit dem Drachen zu kämpfen, schwierige Rätsel zu lösen, eine schwer zu erringende Kostbarkeit heimzubringen, kann den Kopf kosten, zumindest aber das Herz brechen. So ist es auch in dem serbischen Märchen vom Sternenring, Mondenring und Sonnenring, welches in der Sammlung des Indogermanisten August Leskien zu finden ist. Ein Ring, mag er auch kostbar sein, genügt nicht, um die Königstochter zur Braut und Partnerin zu bekommen. Sie möchte jemand zum Mann, der ihr 3 Ringe geben kann, möglich, dass sie einen Partner an ihrer Seite wünscht, der nicht eingleisig ist, über vielfältigere und differenziertere Fähigkeiten verfügt. Dies fehlt dem Königssohn ganz offensichtlich noch, sehr schlicht, kindlich verlässt er sich in allem auf seinen Vater, der für ihn um die Hand der Königstochter anhält, die Botschaften austauscht, die Ringe zu beschaffen versucht. Der Königssohn selber macht nichts, außer zu trauern und vor Gram fast zu vergehen. Erst als der Zufall ihn in ein Gebirge verschlägt, beginnt sein eigener Weg, bekommt er eine Stimme und die Möglichkeit, Herausforderungen anzunehmen und zu bewältigen. Die alte Weise, oft im Märchen lehrend, wissend, aufzeigend und begleitend, bringt ihm Sterne, Sonne, Mond und den Umgang mit ihnen nah. Mit ihr wartet der Königssohn, ihren Worten lauscht und folgt er und er erlebt die magische Kraft ihrer Haare, die die ganze sichtbare Welt ausfüllen können. Anders als in dem indischen Märchen Wie die Sonne, der Mond und der Wind zu einem Mittagessen gingen geht es in diesem Märchen nicht um ferne, kosmische Kräfte, sondern um die Teilhabe des Menschen an ihrer Macht und Wirkung. Der Königssohn erwirbt den Sternenring, und damit Fantasie, Hoffnung, Orientierung, im Funkeln der zahlreichen Sternenstrahlen auch Vielfältigkeit. Er bittet um den Mondring und erhält ihn, er erwirbt Einfühlsamkeit, Tiefe, Anpassungsfähigkeit. Und erlebt, wie sich das prachtvolle Haar der Alten in den Sonnenring verwandelt, die Macht, Klugheit und Klarheit der Alten auf ihn übergehen. Sterne, Mond und Sonne, ihre Kraft und Macht sind nun Teil von ihm, dem Königssohn. „Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen, Die Sonne stand zum Gruße der Planeten,Bist alsobald und fort und fort gediehen, Nach dem Gesetz, wonach du angetreten.“ schreibt Johann Wolfgang von Goethe in seinen orphischen Urworten von 1817. Nun kann der Königssohn auch heiraten, folgerichtig wird seine Werbung, die er dieses Mal selber vorträgt, auch gern und entgegenkommend angekommen. „Sie feierten Hochzeit und sie lebten glücklich miteinander. Der Sternenring, der Mondring und der Sonnenring blieben bei ihnen.

(Ricarda Lukas)


Wussten Sie, dass Märchen so spannend sein können? Sie erzählen davon, wie Menschen die ihnen vertraute Welt verlassen (müssen), wie sie dabei in Gefahren geraten oder in die Anderswelt, Proben bestehen und Aufgaben lösen müssen - genau wie im Leben. Wie in einem Spiegel zeigen uns die Märchen, was uns bewegt - und manchmal zeigen sie uns mehr als das, zeigen neue Möglichkeiten und Erfahrungen.

In der Europäischen Märchengesellschaft haben sich Wissenschaftler/innen und Erzähler/innen, vor allem aber Märchenliebhaber/innen zusammengefunden, die die Freude an den Märchen miteinander teilen, die Freude an ihrer bleibenden Schönheit, Weisheit und Wahrheit. Aber wir wollen diesen märchenhaften Schatz auch an andere weitergeben. Denn mit und in den Märchen, diesen Spiegelbildern der menschlichen Seele, können wir uns wieder finden. Und weil Märchen ein gemeinsames Kulturerbe aller Völker der Erde sind, können wir mit Märchen auch zusammenfinden, über alle Grenzen hinweg.

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Der Band 12 unserer Märchenschätze ist da!

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Märchen erzählen von grundlegenden menschlichen Erfahrungen, und da wir täglich mit Vergessen und Erinnern konfrontiert sind, finden sich diese Themen auch in vielen Märchen wieder. Wieso vergessen wir etwas, sogar wenn es wesentlich ist? Was führt dazu, dass wir uns wieder erinnern? Wie gehen wir mit dem Vergessen von Wesentlichem um? Und wie erinnern wir uns an das, was wir nicht vergessen dürfen?

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Der neueste Band unserer Schriftenreihe ist da!

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Forschungsbeiträge aus der Welt der Märchen

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Im Mai 2018 lud die Europäische Märchengesellschaft zu ihrem Kongress nach Bad Kissingen ein. Die Vorträge zum Thema "Vergessen und Erinnern im und mit Märchen", das weitgefächert untersucht wurde, liegen in diesem Band versammelt vor.
Über die griechische Antike und die göttlichen "Schwestern" Lethe und Mnemosyne, Vergessen und Erinnern, lesen wir; auch Homers Odyssee trägt Bedeutungsvolles zum Thema bei. In Märchen und nordischen Sagas geht es um vergessene Versprechen und die Folgen. Was macht Gedächtnisverlust mit Menschen und können Märchen bei demenzieller Erkrankung noch eine Form von Kommunikation ermöglichen? Erinnern ohne Schrift - wie gelingt das bei den indigenen Völkern? Märchen der Sammlungen des 19. Jahrhunderts waren oft genug antisemitisch und bereiteten unter anderem das Terrain für den Holocaust vor. Das vergessen wir nur allzu gerne, sollten es aber erinnern und Märchen dahingehend kritisch hinterfragen. Resilienz, diese Fähigkeit half den Spazzacamini, den "lebenden Kaminbesen" aus den armen Alpenländern, ihre schlimmen Erinnerungen in erzählbare märchenhafte Geschichten umzuwandeln.
Herausgegeben im Auftrag der Europäischen Märchengesellschaft von Harlinda Lox und Sabine Lutkat.

Zu weiteren Informationen nutzen Sie bitte die obere Informationsleiste. Sie können aber auch postalisch mit uns in Kontakt treten:

Europäische Märchengesellschaft
Nordflügel Kloster/Schloß Bentlage
Bentlager Weg 130
48432 Rheine

Tel: 05971 918-420
Fax 05971 918-429
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